Wo die E-Gitarre nebenden Brillen schlummert

Der erste Besuch bei Bernd Scheuer war für den Ladenbauentwurf entscheidend! Scheuers ursprünglicher, löblicher Plan war, die Fassade des wunderschönen hessischen Fachwerkhauses wieder in einen „Urzustand“ zurückzuversetzen, die Sünden der 70er-Jahre zu beseitigen. „Möbel und Raum“ aus Michelstadt war der ideale Partner für die Neugestaltung.

„Natürlich war es ein ästhetisches Vergehen, diese alten Fachwerkbauten in den Erdgeschossen so aufzubrechen. Aber es war eben auch die Veränderung in der Einzelhandelsstruktur, die es bedingte, dem Kunden neue Einblicke zu gewähren und neue Marketingstrategien zu entwickeln, auch wenn man von diesen Begriffen noch nichts wusste. Man wollte damals schon zeigen, was man hat. Und modern sein.“

Andrea Fritz, die Innenarchitektin der Ladenbaufirma Möbel und Raum in Michelstadt im Odenwald, kennt diese Thematik bestens. „Wie oft haben wir Diskussionen mit dem Bauamt in unserem kleinen Städtchen, da die Fachwerkhäuser im Stadtkern einerseits unter Denkmalschutz stehen, andererseits aber eben als moderne Ladengeschäfte genutzt werden und die Inhaber sie aufrüsten wollen, um die komplette Käuferflucht in die nächstgelegene Großstadt zu verhindern. Für den Planer sind es hier zwei Seelen, die in der Brust wohnen. Für seine Verkaufsstrategie wäre es jedoch aus meiner Sicht tödlich gewesen, hier wieder einen separaten Eingang und zwei kleinere Fenster mit Brüstung zurückzubauen.“

Und die Begleiterscheinung für den Augenoptiker war eine enorme Kostenersparnis. Die Ganzglasfassade konnte bleiben! Es waren nur kleine „Auffrischungen“ notwendig. Und da der Bestand blieb, konnte auch der Denkmalschutz wenig Einwände vorbringen!.

Nichts Alltägliches

Bernd Scheuer, Augenoptiker in zweiter Generation im nordhessischen Alsfeld, ist ein richtiger „Typ“. Er ist sehr verbunden mit seinen Kunden und dem Ort. Bekannt wie ein „bunter Hund“, nicht zuletzt als Musiker, der sein Fachgeschäft ab und an zum „Sessionplace“ macht. „Er ist der erste Optiker, den wir eingerichtet haben, dem wir ein Möbel für einen Verstärker für seine E-Gitarrre integrieren mussten, so dass er jederzeit die Möglichkeit hat, hier mit Musik kleine Events zu gestalten, oder auch spontan mit seinen Musikerkollegen eine Session zu machen“, schreibt Andrea Fritz.

Seine Gastfreundschaft zeichne ihn aus. „Ja, wie bei einem Lieblingslokal, wo man nett empfangen wird, bekommt man hier wirklich immer zuerst einen superguten Cappuccino und das auch, falls er selbst nicht gerade bereit ist, von seinen sehr gut aufgestellten Mitarbeiterinnen“, so Fritz.

Der direkte Übergang von der Person des Inhabers zu seiner Gastfreundschaft ist das „Wohnzimmer“, so der Arbeitsbegriff, der während der Planungsphase entstanden ist.

Gastlichkeit statt Warenlager

An vorderster Front im Laden steht, regelrecht sinnbildlich, die Gastfreundschaft. Früher war es die „Gute Stube“, in der der besondere Besuch empfangen und bewirtet wurde. So könnte man den Bereich direkt im Schaufenster des neu umgebauten Geschäftes nennen. Die Visitenkarte des Geschäftes, das Schaufenster, der erste Einblick, gilt nicht der Brille. Es gibt hier nicht die klassische Brillenauslage mit Deko drumherum, sondern hier steht, sozusagen in Großbuchstaben, die Gastlichkeit und Willkommenheit.

Zwei blaue Samtsofas laden zum Sitzen ein, man schaut nach draußen, was auch den großen Schaufensterflächen bis zum Boden zu danken ist, kann Fernsehen und Kaffeetrinken. Scheuer hat keine Angst davor, dass seine Kunden zu lange sitzen bleiben oder zu viel Kaffee konsumieren. „Das ist es mir wert“ sagt er mit zwinkerndem Auge, „bessere Werbung könnte ich ja gar nicht machen für dieses Budget!“

Eine etwas nostalgisch wirkende, tapezierte Wand mit Nischen lässt eine Wohnzimmerschrankwand assoziieren, in der allerdings anstatt Büchern und Blumenvasen, Brillen zu sehen sind. Und schon in dieser vorderen, gemütlichen Atmosphäre, kann der ein oder andere Kunde „dem ich das zutraue, direkt im Fenster“ (Zitat Scheuer) beraten werden. Hier steht auch der Verstärker zum Herausrollen, direkt im Schrank neben den Brillen.

Außergewöhnlich ist die Idee, einen Tresen und keine Kassentheke an vorderste Front zu stellen. Eine mit massiven Rüsterlamellen verkleidete Theke, die handwerklich durch ihre Rundung beeindruckt und durch diese gleichzeitig geschmeidig in das schmale, tief nach hinten verlaufende Geschäft führt. Ein wichtiger Kniff, um hier einen völlig neuen Eindruck zu bekommen, ist eine mit einem Pflanzenmotiv hinterlegte Glaswand. Sie gibt einen raumerweiternden, dreidimensionalen Eindruck, macht Atmosphäre über das Motiv und verkleidet, was nicht zuletzt der Auslöser war, die nach oben in die Werkstatträume führende Treppe.

Ungewöhnlich ist die Idee, in einem wertvollen Massivholzmöbel aus Rüster Brillen unterzubringen. Das Erstaunliche ist, dass den oben sichtbaren Tabletts die fertigen Brillen, verschlossen hinter Glas, sichtbar liegen. Das ist für den Inhaber das Wichtigste und Wertvollste. Das heißt auch, dass nicht nur der Kunde selbst, sondern auch Andere die fertige, wertvolle Brille anschauen können. Darunter sind mittig fünf Vorlagetabletts integriert. Hier werden, entsprechend der Philosophie von Bernd Scheuer, fünf Brillen vorausgewählt.

Hier wird nun für den, der nicht so locker drauf ist und im Schaufenster sitzen möchte, im hinteren Bereich des Geschäftes auf engstem Raum gezeigt, was man kann. Warme Farben, Teppichboden und Nussbaumholz in sachlichem Stil, bringen dem Kunden die Fachkompetenz herüber und zeigen, was man hat. Fast alle Brillenmodelle liegen hier offen, werden aber mittels Rollhocker von dem beratenden Optiker hergeholt. „Wir suchen schon aus. Wir gehen davon aus, dass der Kunde unter den ersten fünf Modellen, die wir vorschlagen, fündig wird“.

www.moebelundraum.de