Richters Skala

VON MÄNNERN,
DIE AUF ZAHLEN STARREN

Jahresanfang. Neue Vorsätze, neue Pläne. Das alte Jahr auf den Prüfstand stellen, und dieses Mal alles besser, alles richtig machen. Vor allem im geschäftlichen Bereich. Um absolut auf der sicheren Seite zu sein, muss Mann natürlich das vergangene Jahr zunächst akribisch analysieren.

Was für ein Glück, dass sämtliche gängigen Softwarelösungen der Branche dafür jede nur denkbare Statistik liefern. Da fällt die perfekte Planung leicht. Im neuen Jahr bleibt also nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen. Zunächst einmal werde ich alle Auswertungen auswerten, die ausgewerteten Auswertungen miteinander verknüpfen und erneut auswerten, dann die gewonnenen Erkenntnisse in eine Endauswertung münden lassen, genauestens analysieren, die Erkenntnisse extrahieren, miteinander multiplizieren, voneinander subtrahieren, bei der Arbeit transpirieren, sie dann, in einem Kraftakt einzigartiger Güte und Eleganz, in einen allumfassenden Masterplan zusammenfassen, und daraus generalstabsmäßig eine Strategie stricken, die absolut nichts mehr dem Zufall überlässt.

Los geht’s. Mal sehen, von wem wir im nächsten Jahr unsere Brillenfassungen sinnvollerweise einkaufen. Null Problem. Da schaue ich einfach nach, von welchen Kollektionen 2016 die meisten Fassungen verkauft wurden. Aha. Gut, von diesem Lieferanten hatten wir ja auch viermal so viel Fassungen an Lager wie von z.B. dem Zweitplatzierten. Ok, dafür haben wir ja die Auswertung des Lagerumschlags. Oha, da ist der von eben ja ziemlich nach hinten gerutscht. Auf der Top-Position rangiert jetzt ein Hersteller, den ich schon ganz vergessen hatte. Ach so, von dem hatten wir nur noch eine Fassung auf Lager, und die wurde verkauft. Das erklärt natürlich den sensationellen Lagerumschlag. So geht es also auch nicht.

Tja, dann schaue ich halt einfach, welche Kollektion pekuniär den größten Umsatz gebracht hat. Bingo, sensationell. Jawoll, das wird unser Hauptlieferant im neuen Jahr. Da klingelt die Kasse. Äh, hmmm, dann müsste es uns allerdings gelingen ein paar hundert Kunden mit 24K-Goldfassungen, bestückt mit Diamanten und den extrem verbotenen Applikationen aus Einhorn-Elfenbein, zu versorgen. Ich habe allerdings große Zweifel, dass im neuen Jahr dreihundert Scheichs ins Geschäft kommen und alle eine solche Fassung kaufen. Im letzten Jahr war es ja auch nur einer, und der hatte sich verlaufen. Die zwei sündhaft teuren, extrem betriebstreuen Schätzchen hat er nur gekauft, um nicht mit leeren Händen aus dem Geschäft zu gehen. So geht es also auch nicht.

Am besten verknüpfe ich alle Faktoren – plus etliche andere wie Lagerdauer, Fassungsart, Preiskategorie der verkauften Fassungen usw. usw. – mische sie, bilde Quotienten, die werden dann in Tabellen gefasst, nach diversen Kriterien sortiert und wieder umsortiert, gedengelt, geklöppelt, zweifach genöckelt, die Ausdrucke voll geweint, weggeschmissen, erneut gedruckt, abgelegt und vergessen.

Wenn das so weiter geht, läuft der Einkauf 2017 doch wieder wie letztes Jahr, irgendwie so mehr nach dem Bauchgefühl. Ein sympathischer Außendienst, ein paar erst kürzlich verkaufte Fassungen der entsprechenden Kollektion, ein dem Termin vorangegangenes beglückendes Frühstück. Kurz, ein Launepegel war das entscheidende Kriterium für den Einkauf einer Kollektion. Zielführend war das allerdings nicht.

Für eine betriebswirtschaftlich fundierte Planung suche ich deshalb im Wust der statistischen Infos, die in den Tiefen meiner Software darauf lauern von mir entdeckt zu werden, nach denjenigen, die mir die Erleuchtung bringen könnten. Einige Stunden und diverse Auswertungen später verfüge ich über Informationen, die mir die Offenbarung bringen und mich auf eine völlig neue Ebene des augenoptischen Erfolgs katapultieren sollen. Mal sehen.

Interessant, was auf den ersten Blick so spannend zu sein scheint wie ein Public Viewing beim Schach, entpuppt sich beim zweiten Blick tatsächlich als genau so. Hilft nix, da muss ich durch. Also, den meisten Umsatz bringen Kunden zwischen 45 und 65 Jahren. Vor 11 Uhr läuft eher wenig, und nach 19 Uhr praktisch nix. Logisch, da haben wir ja auch zu. Was noch? Wir haben Frauen und Männer in der Kundschaft, junge und ältere. So weit, so überraschend. Mit Abstand die meisten Kunden generieren wir aus den umliegenden Postleitzahl-Gebieten, während aus Orten, die mehr als 500 Kilometer entfernt liegen, kaum Kundschaft kommt. Na also! Da liegt ein enormes Potential völlig brach (Notiz an mich: 2017 Werbemaßnahmen in München, Berlin und Hamburg schalten)

Jetzt habe ich Blut geleckt. Die weitere Analyse ergibt: In nahezu allen Bereichen gilt die Pareto-Regel. Mit 20% unserer Kollektionen und 20% unserer Kunden machen wir in 20% der Geschäftszeit 80% unseres Umsatzes. Damit steht mein Erfolgsplan für 2017 fest: Die Geschäftsöffnungszeiten werden auf dieses Zeitfenster beschränkt, 80 Prozent der Kollektionen rausgeschmissen und nur noch die Kunden reingelassen, die bereits gezeigt haben oder sich vorab verpflichten, dass sie den von uns gesetzten Umsatzrahmen pro Auftrag erreichen.

Die Mitarbeiter erhalten zehn Prozent mehr Gehalt. (D. h. die künftige Arbeitszeit beträgt nur noch zwanzig Prozent, trotzdem gibt es üppige 35 Prozent des bisherigen Gehalts.) Motivation muss schließlich sein. Die gewonnene Freizeit können sie ja sinnvoll nutzen, mit einem Nebenjob zum Beispiel. Ja, so müsste es gehen. Ich bin schon sehr gespannt, wie sich meine Strategie, statistische Ergebnisse umzusetzen, auf mein Geschäftsjahr auswirkt.

DER SPRUCH DES MONATS

Statistiken sind wie Bikinis. Was sie enthüllen, ist gehaltvoll, aber was sie verbergen, ist entscheidend. (Aaron Levenstein)