Deutliches Sehen in allen Sehbereichen

Prinzip und Aufbau von Gleitsichtgläsern

15. Gleitsichtgläser: Prinzip, Aufbau, Zentrierung und Anpassregeln
    • 15.1. Prinzip und Aufbau von Gleitsichtgläsern

  • 15.1.1. Vorbemerkungen
Gleitsichtgläser sind eine relativ neue Entwicklung der modernen Augenoptik. Obwohl die zugehörige Theorie bereits zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts entwickelt wurde, begann die industrielle Fertigung des ersten „Varilux“ der Fa. Essel erst im Jahre 1959. Seither werden Gleitsichtgläser mit steigender Tendenz sowohl von Augenoptikern angeboten als auch von Kunden gewählt. Ihre Technologie entspricht dem modernen Stand der Technik und bietet dem presbyopen Brillenträger als wesentliche Vorteile:
  • deutliches Sehen in allen Sehbereichen (= Entfernungen)
  • keine „toten Zonen“ (= Skotome), keinen Bildsprung
  • ein ästhetisch sehr ansprechendes Äußeres des Glases, praktisch wie ein Einstärkenglas.
Insbesondere, wenn erstmals eine Nah- bzw. Mehrstärkenbrille zur Debatte steht, spricht heute vieles für ein Gleitsichtglas. Geringe Additionen tragen wesentlich dazu bei, dass eine Gewöhnung leichter vonstatten gehen kann. Doch dazu später mehr.
15.1.2. Prinzipieller Aufbau
Die „gleitende“ optische Wirkung dieses Brillenglastyps beruht auf einer Flächenform, bei der die Flächenkrümmung nicht in allen Teilen konstant ist wie bei einer Kugelfläche (= Sphäre). Die Gestaltung der „progressiven“ Fläche – in der Regel die Vorderfläche — kann man sich am besten aus einem Zweistärkenglas des Typs E („Executive“ o. ä.) abgeleitet vorstellen. Ausgehend vom bildsprungfreien Bifocalglas (bei dem OF und ON zusammenfallen, weil die Krümmungsmittelpunkte auf einer Geraden liegen) über ein Trifocalglas (Abb. 15.1) entwickelt sich über ein „n-focal“ (Abb. 15.2) schließlich ein Gleitsichtglas mit unendlich vielen kleinsten Stufen.
Man kann ein Gleitsichtglas — entfernt ähnlich wie ein Trifocalglas — nach der Benutzbarkeit für das Sehen in drei Bereiche einteilen: In Fernteil, Zwischenteil (hier: „Progressionszone“) und Nahteil. Fernteil und Nahteil heißen „stabilisiert“, wenn in ihren Bereichen die jeweilige Wirkung weitgehend konstant ist. An dieser Stelle ein Hinweis auf die Bezeichnungen an Gleitsichtgläsern: Sie entsprechen überwiegend denen von Zweistärkengläsern. Die Besonderheiten finden Sie im Definitionsteil.
Entlang der Verbindungslinie zwischen den Bezugspunkten von Fern- und Nahteil (siehe dazu die Abbildungen 15.3, 15.8 und andere) verläuft der Progressionskanal. In dem Maße, in dem der Brillenträger den Blick senkt (und immer näher gelegene Objekte betrachtet), findet er hier entsprechend die passenden höheren Brechwerte vor, so dass das alterssichtige Auge in allen Entfernungen zwischen Ferne und Nähe scharf sehen kann. Der Progressionskanal ist um so schmaler, je höher die Addition ist, und geht seitlich in Bereiche mit wachsenden Abbildungsfehlern über. Breitere Progressionskorridore ließen sich nur dadurch erreichen, dass man den Abstand zwischen BF und BN vergrößert. Dies würde aber zu einer Verkleinerung von Fern- und/oder Nahteil führen (Formel zur Berechnung: vgl. Satz von Minkwitz).
  • 15.1.3. Markierungen, Punkte, Abstände und Bezeichnungen
  • 15.1.3.1. Markierungen auf dem Glas
Alle Varianten von marktüblichen Gleitsichtgläsern weisen (im Fabrik neuen Zustand) Stempelmarkierungen auf, die bei der Abgabe an den Kunden entfernt werden, sowie sog. Mikrogravuren, die — annähernd unsichtbar — bleibend auf dem Glas vorhanden sind. Anhand dieser Lasergravuren kann die Lage der übrigen Punkte des Glastyps später immer wieder rekonstruiert werden. In der Regel sind Kennzeichnungen z. B. für Hersteller, Glastyp, Addition usw. vorhanden.
Abbildung 15.4 zeigt dazu die Geometrie und Lage eines typischen Gleitsichtglases. Da der prinzipielle Aufbau der Stempelmarkierungen bzw. der Gravuren von Hersteller zu Hersteller nur wenig differiert, sind aus diesem Grund Schwierigkeiten bei der Zentrierung wohl nicht zu erwarten.
15.1.3.2. Punkte und Abstände
Beim in Abbildung 15.3 dargestellten Glastyp befinden sich auf der Glashorizontalen („Einschleifachse“) zwei Mikrogravuren jeweils 17 mm links und rechts des geometrischen Mittelpunktes des Glases. Genau 4 mm oberhalb dieses Glasmittelpunktes liegt der Zentrierpunkt, der in der Regel als Kreuz der Stempelmarkierung gekennzeichnet ist („Fernbezugskreuz“). Dieser Punkt dient im Normalfall als Grundlage der Zentrierung „für die Ferne“. Genaueres dazu im Abschnitt „Anpassung“.
Weitere 4 mm oberhalb (also insgesamt 8 mm über dem geometrischen Mittelpunkt) liegt der Fern-Bezugspunkt BF. Dieser stellt die Mitte des in der Stempelmarkierung unvollständigen Kreises dar. Im Beispiel 14 mm unterhalb des geometrischen Mittelpunktes und 2 mm nasal versetzt ist der Nah-Bezugspunkt BN zu finden, der bei den meisten Gläsern durch einen kreisförmigen Farbstempel oder auch Aufkleber gekennzeichnet ist.
15.2.3.3. Bezeichnungen
Bevor genauer auf die Bezeichnungen, Begriffe, Einheiten und Erklärungen eingegangen wird, einige kurze Hinweise auf wichtige Messorte im soeben beschriebenen Glas:
Die Überprüfung der Fernteilwirkung des Glases mit dem Scheitelbrechwertmessgerät muss im Bezugspunkt-Ferne BF erfolgen. Hier können allerdings nur Sphäre, Zylinder und Achse kontrolliert werden, nicht jedoch ein ggf. im Fernteil vorliegendes Prisma (wegen des vorhandenen Dickenreduktionsprismas, siehe dort).
Die Kontrolle der Addition bzw. der Nahteilwirkung muss im Bezugspunkt-Nähe BN vorgenommen werden. Dazu ist es erforderlich, das Verfahren anzuwenden, das der Hersteller zur Definition des Nahzusatzes benutzt hat (siehe dort).
Eine (verordnete) prismatische Wirkung im Fernteil kann bei den meisten Glasausführungen im „Messpunkt Prisma“ überprüft werden, der häufig dem geometrischen Mittelpunkt entspricht. Hier hilft im Einzelfall der Blick in die Produktinformationen des jeweiligen Herstellers.
  • 15.2. Optische Eigenschaften von Gleitsichtgläsern
  • 15.2.1. Vorbemerkungen
Gleitsichtgläser weisen außer den zuvor erwähnten Markierungen keinerlei charakteristische Merkmale auf. Zur optischen Anpassung kann ein/e Augenoptiker/in lediglich die aufgebrachten Markierungen für die Zentrierarbeit benutzen. Ob Aufstempelung und Mikrogravuren korrekt aufgebracht sind, kann sie bzw. er dagegen kaum nachprüfen. Die optischen Eigenschaften von verschiedenen (auch den modernen, marktüblichen) Gleitsichtgläsern sind zwar ähnlich, aber nicht exakt gleich. Zunächst soll an dieser Stelle auf bestimmte Unterschiede eingegangen bzw. hingewiesen werden.
15.2.2. Fernteile der Gläser
Für ein Gleitsichtglas-Fernteil ist anzustreben, dass sich dort die dioptrische Wirkung höchstens in einem so minimalen Maße ändert, dass der Brillenträger davon „nichts bemerkt“. Es existieren Gleitsichtgläser mit störungsfreien Fernteilen, bei denen sich im Bereich oberhalb des Fernbezugspunktes die dioptrische Wirkung nur als Konsequenz aus den unvermeidlichen Abbildungsfehlern neben der optischen Achse ändert. In diesem Fall weist das Fernteil die Eigenschaften eines vergleichbaren Einstärkenglases gleicher Wirkung auf.
Manche Hersteller lassen allerdings die sphärische Wirkung im Bereich des BF bereits etwas ansteigen mit dem Ziel, den Übergang zwischen Fern- und Nahteil nasal und temporal etwas abzumildern (oft als sog. „modulierte Brechkraft“ bezeichnet). Darüber hinaus werden auch extrem „weich“ konzipierte Gläser angeboten, bei denen bereits mitten im Fernteil ein gewisser Wirkungsanstieg festzustellen ist. Verträglich sind auch solche Gläser allemal, wenn man die Zentrier- und Anpassempfehlungen des jeweiligen Herstellers berücksichtigt. Diese „Regeln“ sind den Glaseigenschaften entsprechend festgelegt. Zum (linearen) Wirkungsanstieg im Glas siehe Abbildung 15.5.
15.2.3. Nahteile der Gläser
Die Bezeichnung „Nahteil“ soll hier für den Bereich um den Nahbezugsunkt BN gelten. Dabei fällt es nicht leicht, eine exakte Nahteilbreite zu definieren (und noch viel schwerer, eine solche auszumessen!). Trotzdem ist in der Werbung oft von Nahteilbreiten die Rede.
Moderne marktübliche „weich“ konzipierte Gleitsichtgläser weisen aber kein Nahteil mit konstanter dioptrischer Wirkung auf und können somit auch keine Nahteilbreite haben. Es findet sich lediglich ein Bereich, in dem sich die Wirkung nur wenig ändert. Folglich wird die Addition oberhalb, rechts und links des BN geringer sein. Wird der Bereich mit geringer Wirkungsänderung breit gehalten, so muss als unausweichliche Konsequenz der Wirkungsabfall links und rechts daneben schnell erfolgen. Dies hat große Verzeichnungen in diesen Bereichen zur Folge. Macht man dagegen den Bereich mit geringer Wirkungsänderung schmaler, so kann der seitliche Abfall der Addition sanfter gestaltet werden.
Bei jeder Glaskonzeption ist also ein Kompromiss erforderlich zwischen einem wünschenswert breiten nutzbaren Nahbereich und daneben ausreichend sanften Übergängen ohne hohe Verzeichnungen. Bei Gleitsichtgläsern, die einen „schmalen“ Nahbereich aufweisen, ist dessen korrekte Zentrierung besonders wichtig. In diesem Fall erhält die Nah-Zentrierung den Vorrang. Bei Gleitsichtgläsern mit „breitem“ bzw. „breiterem“ Nahteil kann es dagegen sein, dass die Fern-Zentrierung wichtiger ist. Auch hier sollten in jedem Fall die Zentrieranweisungen des jeweiligen Herstellers genau beachtet werden.
15.2.4. Progressionskanal
Die Verteilung des Astigmatismus bei einem modernen marktüblichen Gleitsichtglas zeigt Abbildung 15.6 . Diese „Verteilung“ der Astigmatismus-Anteile kann je nach der Konzeption des Glases etwas unterschiedlich ausfallen. In dem Fall aber ist nur ein relativ schmaler „Kanal“ oder „Korridor“ zwischen BF und BN vorhanden. Im Verlauf dieser Strecke nimmt die Addition kontinuierlich zu. Man nennt diesen Bereich Progressionskanal oder auch Progressionszone.
Anzustreben wäre ein möglichst breiter Progressionskorridor. Allerdings ist dies im Falle einer linearen Zunahme der Addition nicht beliebig möglich. Nach dem Satz von Minkwitz ergibt sich, dass ein Progressionskanal um so schmaler wird, je höher die Addition und je kürzer der Progressionsbereich ist. Einen Zusammenhang zwischen der Korridorbreite und der Addition (bei konstanter Länge) zeigt Abbildung 15.7 . Für die Breite bei Addition 1,0 dpt wurden 100% angesetzt.
Insbesondere bei hohen Nahzusätzen ist demnach die nutzbare Breite des Progressionskanals recht schmal. Daraus lässt sich leicht erkennen, dass die Horizontalzentrierung von Gleitsichtgläsern gerade dann so genau wie irgend möglich durchgeführt werden muss.
  • 15.3. Konzeptionen bei Gleitsichtgläsern
  • 15.3.1. Vorbemerkungen
Die ursprüngliche Konzeption von Gleitsichtgläsern war, ausgehend von der Fernteilwirkung durch immer „enger“ werdende sphärische Flächen zur Nahteilwirkung zu gelangen. Die dadurch erzielte so genannte „stabilisierte Brechkraft“ bedeutet, dass sowohl im Fern- als auch im Nahteil eines so aufgebauten Glases jeweils weitgehend gleich bleibende Wirkung vorliegt.
Bei modernen Gleitsichtgläsern wird dies erreicht, indem man asphärische Flächen verwendet, also solche auf der Grundlage von Ellipsen, Parabeln, Hyperbeln oder komplizierteren Kurven. Den erzielten Effekt nennt man „modulierte Brechkraft“, weil die Wirkung im Fernteil zum Rand hin leicht ansteigt und im Nahteil etwas abfällt. Wichtige Gründe für einen solchen Aufbau sind beispielsweise, dass in den für das foveale Sehen wichtigen Bereichen von Fernteil, Progressionsbereich und Nahteil dadurch der Flächenastigmatismus und die Verzeichnung verringert werden. Sie werden in die Peripherie dieser Zonen verlagert (wo sie weniger stören); restlos beseitigen lassen sie sich jedoch nicht. Als weiterer verbessernder Effekt lässt sich dabei der Progressionskanal etwas verbreitern.
Gleitsichtflächen dieser Art sind mathematisch und fertigungstechnisch nur mit Großrechnern zu bewältigen. Bei den Gleitsichtgläsern verschiedener Hersteller beziehungsweise den Vorderflächen dieser Gläser bestehen in jedem Fall Unterschiede. Welches Konzept „besser“ ist, können letztlich nur Tragetests zeigen. Eine objektive Beurteilung ist weder dem Hersteller noch dem Augenoptiker oder dem Träger der Gleitsichtgläser (vor dem Ausprobieren) möglich.
Umfangreiche Trageversuche haben in der Vergangenheit gezeigt, dass beim „Umsteigen“ vom Gleitsichtglas des einen Herstellers auf das Produkt eines anderen manchmal Sehprobleme auftreten, die wohl in den unterschiedlichen Glaskonzepten begründet sind. In Fortbildungsveranstaltungen für Augenoptiker/innen wurde bzw. wird teilweise darüber berichtet, bei welchem Wechsel sich eine gute oder schlechte Verträglichkeit zeigt.
In jedem Fall sollten aber einige grundlegende Unterschiede bei den Glaskonzepten bekannt sein sowie diverse Fachbegriffe, die auch in der Werbung Verwendung finden.
15.3.2. Symmetrische und asymmetrische Gleitsichtgläser
In früheren Jahren war es oft noch ein Streitpunkt, ob eine symmetrisch oder eine asymmetrisch gefertigte Gleitsichtfläche besser sei. Heutzutage kann man sagen, dass die großen Hersteller inzwischen alle als Standard Gläser in asymmetrischer Ausführung anbieten. Es sind auch Ausführungen mit beidseitigen Progressionsflächen auf dem Markt. Daneben werden aber auch weiterhin symmetrische Progressivgläser gefertigt.
15.3.2.1. Aufbau symmetrischer Gleitsichtflächen
Bei der Herstellung beziehungsweise der Bearbeitung der Gleitsichtfläche wird hier nicht zwischen rechtem und linkem Glas unterschieden. Die Nabellinie ist eine Gerade (Flächenastigmatismus kleiner als 0,5 dpt cyl). Zum Einarbeiten in die Fassung muss ein solches Glas „geschwenkt“ werden (in der Regel um ca. 8 bis 9 Grad), damit „das Nahteil“ nasal versetzt zu liegen kommt. Als Folge des Schwenkens liegen dann allerdings die Linien gleicher prismatischer Wirkung schräg, was Probleme beim Sehen durch die seitlichen Zonen (insbesondere des Zwischenbereichs) und bei Blickwechseln bringen kann. Siehe dazu Abbildung 15.9.
15.3.2.2. Aufbau asymmetrischer Gleitsichtflächen
Schon während der Fabrikation der Gleitsichtfläche wird hier zwischen rechtem und linkem Glas unterschieden. Somit sind beide Gläser spiegelsymmetrisch aufgebaut und nicht austauschbar. Sie dürfen prinzipiell nicht geschwenkt werden. Durch diesen Aufbau liegt der Nahbereich nasal versetzt und der Progressionskanal bildet eine schräg verlaufende Linie. Die Nabellinie ist geknickt. (Abb. 15.10)
Hier ist es möglich, eine Horizontalsymmetrie zu erreichen. Die Linien mit gleicher prismatischer Wirkung bleiben (fast) waagerecht, da eine Schwenkung nicht erforderlich ist. Bei seitlichen Blick- und Kopfbewegungen soll der Brillenträger hier gleiche Verzeichnung, gleich großen Flächenastigmatismus und gleichen Visus erzielen können.
  • 15.3.3. „Hart“ und „weich“ konzipierte Gläser
  • 15.3.3.1. „Harte“ Gleitsichtgläser
Gleitsichtgläser älterer Bauart waren oft „hart“ konzipiert. Dies bedeutete, dass in den Fern- und Nahteilen Sphären vorlagen und der Übergang zwischen beiden Teilen relativ kurz war. Zum einen brachte dies als Vorteil, dass große, stabile Fern- und Nahteile vorhanden bzw. möglich waren. Andererseits bedingt aber ein kurzer Übergang zwangsläufig einen schmalen Progressionskanal (der dadurch zum Sehen in mittlere Entfernungen oft wenig taugte).
Fern- und Nahteil waren außerdem weitgehend frei von Flächenastigmatismen und Verzeichnungen, weil dort ja Sphären vorlagen. Allerdings waren diese Fehler im Zwischenbereich sowie seitlich des Nahbereichs so hoch, dass diese Glasanteile teilweise nicht einmal für das periphere Sehen geeignet waren und bei Kopfbewegungen schaukelnde Bilder entstanden. In Abbildung 15.11 zeigt der linke Teil die hohen Astigmatismusbeträge eines solchen „harten“ Glases.
15.3.3.2. „Weiche“ Gleitsichtgläser
Durch die so genannte modulierte Brechkraft konnten dann bzw. können modernere Gleitsichtgläser wesentlich „weicher“ konzipiert werden. Unvermeidliche Fehler werden bevorzugt in Bereiche verlagert, in denen sie den Brillenträger weniger stören. Dabei beschreiten die verschiedenen Hersteller zum Teil verschiedene Wege.
Übereinstimmend kann man folgende Aspekte eines „weichen“ Gleitsichtglases nennen:
  • Der Progressionskanal wird möglichst breit ausgeführt.
  • Der Flächenastigmatismus soll neben dem Progressionskanal möglichst klein und in die peripheren Bereiche von Fern- und Nahteil verlagert sein.
  • Die Verzeichnung wird verringert.
  • Das Fernteil ist zwangsläufig nicht stabil; es ist kleiner als bei einem „harten“ Glas. Die Wirkung nimmt zum Rand hin zu.
  • Das Nahteil ist ebenfalls nicht mehr stabil; es wird möglichst groß gestaltet. Die Wirkung nimmt zum Rand hin ab.
  • Das Glas ist besser verträglich.
  • Der Zwischenbereich ist besser nutzbar.
Abbildung 15.11 zeigt anhand der typischen „Rasterbilder“ einen Vergleich der Abbildungsqualität bzw. die anschauliche Darstellung der Verteilung der Abbildungsfehler über die Bereiche des Glases. Links ist ein „hartes“ Glas gezeigt (oft eines der ersten Generation wie z. B. „Varilux 1“ von Essilor), rechts ein „weich“ konzipiertes modernes Gleitsichtglas.
Je nach dem Glaskonzept – also dem Benutzungsschwerpunkt — kann die Gestaltung des Glases und damit die Verteilung und Größe der Abbildungsfehler unterschiedlich ausfallen. Abbildung 15.12 zeigt dazu ein Beispiel mit typischen Astigmatismusgebirgen und Maßen am Glas.
Wenn die Gestaltung der Gleitsichtfläche eines Glases für alle Wirkungen gleich ist, führt das bei hohen Additionen auch beim weichen Glaskonzept zu etwas „härteren“ Ausführungen. Dies kann dadurch vermieden werden, dass zu verschiedenen Additionen jeweils passende Gleitsichtflächen berechnet und gefertigt werden, um das optimale Glas zu erhalten. (Beispiel Essilor VMD, Abb. 15.13.)
  • 15.3.4. Bestimmung der Gläserstärke von Gleitsichtgläsern
  • 15.3.4.1. Gebrauchswert und Messwert
Bei der Refraktion wird durch die Kombination der Gläser in der Messbrille oder im Phoropter ein bestimmter Strahlengang erzeugt, der die optimale Korrektion der Augenfehler bewirkt, Die Gläser in der fertigen Brille sollen die gleiche Wirkung mit dem gleichen Strahlengang liefern.
Als Gebrauchswert des Brillenglases bezeichnet man dessen dioptrische Wirkung für den Strahlengang in der Gebrauchssituation beim Brillenträger. Dieser Wert bezieht sich auf das System Auge/Brillenglas. Folglich muss bei seiner Ermittlung auf alle Unterschiede zwischen Messbrille oder Phoropter und fertiger Korrektionsbrille geachtet werden (z.B. beim HSA oder beim Abstand der Zentrierpunkte binokular).
Als Messwert des Brillenglases bezeichnet man die durch eine Messung mit einem Scheitelbrechwertmessgerät (SBMG) ermittelte dioptrische Wirkung im Bezugspunkt des Brillenglases. Im SBMG trifft dabei der Messstrahl senkrecht auf die Brillenglasfläche, im System Auge/ Brillenglas dagegen verläuft der Hauptstrahl vom festgelegten Punkt auf dem Brillenglas zum optischen Augendrehpunkt Z‘.
Diese beiden Strahlengänge sind nur dann gleich, wenn der Blick entlang der optischen Achse auf ein Objekt in unendlicher Entfernung vorliegt. Messwert und Gebrauchswert stimmen also nur dann überein, wenn Gläser zum Blick in die Ferne dienen und außerdem der optische Mittelpunkt zugleich der Bezugspunkt ist. In allen anderen Fällen ist der Gebrauchswert nicht mit einem SBMG zu ermitteln.
Die Differenz zwischen Messwert und Gebrauchswert heißt Korrekturwert. Wenn Messwert und Gebrauchswert unter Berücksichtigung der Toleranzen voneinander abweichen, soll der Hersteller des Glases zusätzlich zum Gebrauchswert entweder den Messwert oder den Korrekturwert angeben. Es gibt dazu Tabellen zu den diversen Glasausführungen der Hersteller.
15.3.4.2. Messung des Nahzusatzes
Der Nahzusatz (die Addition) ist die Differenz der Wirkungen von Nah- und Fernteil eines Mehrstärken- oder Gleitsichtglases. Diese Differenz hängt zum einen von Glasfaktoren wie Material oder Geometrie, zum anderen vom jeweiligen Strahlenverlauf in Fern- und Nahteil ab. Wie im Definitionsteil ausgeführt, wird in einen Nahzusatz zwischen Gebrauchswert (Addition als Konkav-Messwert (AddCC) und als Konvex-Messwert (AddCX) unterschieden. Die Abbildungen 15.17 und 15.18 zeigen (in Anlehnung an DIN 58208, Teil 2) die Messorte an einem Zweistärkenglas, Zitat DIN: „Ein Messverfahren (für Gleitsichtgläser) ist in Vorbereitung.“ (DIN 58208, Teil 2, Fußnote 10, Ausgabe August 1990)
a) Konkav-Messwert der Addition:
Zum Ausmessen der konkavseitigen Messwerte wird das Brillenglas im jeweiligen Bezugspunkt (siehe Abb. 15.17) mit der augenseitigen Fläche auf die Messöffnung des SBMG gelegt. Der Nahzusatz ist dann die Differenz zwischen diesen konkavseitigen Messwerten (der Scheitelbrechwerte in den ersten Hauptschnitten) im Fernbezugspunkt und im Nahbezugspunkt.
b) Konvex-Messwert der Addition:
Zum Ausmessen der konvexseitigen Messwerte wird das Brillenglas mit der objektseitigen Fläche auf die Messöffnung des SBMG gelegt. Die eine Messung ist dann im Punkt BN vorzunehmen. Die andere Messung muss in einem Punkt (BS) erfolgen, der dem Punkt BN als Spiegelpunkt bezüglich BF gegenüberliegt (siehe Abb. 15.18). Der Nahzusatz ist dann die Differenz zwischen diesen konvexseitigen Messwerten (der Scheitelbrechwerte in den zweiten Hauptschnitten).
Da es keine einheitliche Regelung gibt, nach weichem Verfahren gemessen wird, muss der Hersteller angeben, nach welchem Verfahren er die Addition bestimmt hat. Einen Korrekturwert benötigt der Augenoptiker immer dann, wenn die Mehrstärkengläser entsprechend dem Nahzusatz nach dem Gebrauchswert gefertigt sind.
Die Hinweise der Glashersteller zur Kontrolle der Glasstärken der von ihnen gelieferten Gleitsichtgläser zeigen in der Regel Abbildungen zur konkavseitigen Messung (Abb. 15.14 bis 15.16). Gemessen wird…
  • im Fern-Bezugskreis: die „Fernteilwirkung“ mit horizontal ausgerichteter „Glasachse“ (ohne prismatischen Anteil) – Abb. 15.14,
  • im Nah-Bezugskreis: die „Nahteilwirkung“ (vergleichen mit Additionsgravur) – Abb. 15.15,
  • im Punkt Z (Messpunkt Prisma): die exakte prismatische Wirkung; das Testmarkenbild kann dabei unscharf sein – Abb. 15.16. (Zur Berücksichtigung des Dickenreduktionsprismas: siehe Abschnitt DR!)
Literaturhinweise
  • 1. Bohn, H.: „Technologie für Augenoptiker“, Band 11, Sonderdruck aus „Der Augenoptiker“
  • 2. Diepes, H.: „Optische Brillenanpassung“, Skript des ZVA-Fortbildungswerkes, V. 2,1990
  • 3. DIN EN ISO 13666, März 1996 und DIN-Normen 58208, Teil 1, Teil 2 und Teil 4, Deutsches Institut für Normung, Berlin, August 1990
  • 4. Fa. Essilor, Freiburg: Das Produkt-Kompendium, 2001
  • 5. Fa. Essilor, Freiburg: Diverse Unterlagen über Gleitsichtgläser, bis 2007
  • 6. Goersch, Dr. H.: „Handbuch für Augenoptik“, Fa. Carl Zeiss, Oberkochen, 2. Nachdruck 1992
  • 7. Fa. Hoya, Mönchengladbach: Diverse Unterlagen über Gleitsichtgläser, bis 2007
  • 8. Kuratorium Gutes Sehen, Köln: „Sehen am Bildschirmarbeitsplatz“, Faltblatt, 2001
  • 9. Mütze, K., Foitzik, L., Krug, W., Schreiber, G.: „ABC der Optik“, Verlag W. Dausien, Hanau/Main, 1972
  • 10. Presser, H.: „Skriptum zur Technologie“ der Berufsschule für Augenoptiker, München, Eigenverlag, 1992
  • 11. Reiner, J.: „Auge und Brille“, F. Enke Verlag, Stuttgart 1978
  • 12. Fa. Rodenstock, München und Regen: Diverse Unterlagen über Gleitsichtgläser, bis 2007
  • 13. Fa. Rupp & Hubrach, Bamberg: Diverse Unterlagen über Gleitsichtgläser, bis 2007
  • 14. Selwat, K.-H.: „Gleitsichtbrillen“, Sonderdruck aus „Der Augenoptiker“, Aufl. 1990
  • 15. Fa. Zeiss, Oberkochen: Diverse Unterlagen über Gleitsichtgläser, bis 2007
  • 16. Fa. Zeiss, Oberkochen: Kompendium „Sehenswert – Brillengläser von Carl Zeiss“, 2000
Wichtige Definitionen
DIN EN ISO 13666 („Augenoptik – Brillengläser, Vokabular“) und DIN 58208 Teil 2 („Begriffe und Zeichen bei Brillengläsern in Verbindung mit dem menschlichen Auge“) enthalten unter anderem auch für Gleitsicht-Brillengläser wichtige Definitionen. Nachstehend eine Auswahl der für dieses Kapitel unbedingt erforderlichen Definitionen.
Hinweis: Viele der Definitionen und Bezeichnungen haben für Zweistärken- und für Gleitsicht-Glastypen die gleiche oder zumindest eine vergleichbare Bedeutung. Die nachstehende Auflistung wiederholt aus diesem Grunde nicht diejenigen Definitionen, die aus dem Kapitel „Bifocalgläser“ bekannt sind.
Gleitsicht-Brillenglas
… nennt man ein Brillenglas mit einer nicht-rotationssymmetrischen Fläche mit kontinuierlicher Änderung der fokussierenden Wirkung über einen Teil oder den gesamten Bereich des Brillenglases.
(DIN EN ISO 13666, Punkt 8.3.5., Seite 17, 1998)
Gleitsichtfläche
… ist eine nicht-rotationssymmetrische Fläche mit einer kontinuierlichen Änderung der Krümmung über die gesamte Fläche oder einen Teil davon.
(DIN EN ISO 13666, Punkt 7.7., Seite 14, 1998)
Gleitsicht-Brillenglas-Halbfertigprodukt
… nennt man ein Brillenglas-Halbfertigprodukt, das nach der Endbearbeitung ein Brillenglas mit kontinuierlicher Änderung der dioptrischen Wirkung über einen Teil oder den gesamten Bereich des Brillenglases ergeben soll. (DIN EN ISO 13666, Punkt 8.4.5., Seite 18, 1998)
Grundteil
… ist der bzw. das Teil eines Mehrstärken- oder Gleitsicht-Brillenglases mit dem größten Sehfeld. (DIN EN ISO 13666, Punkt 14.1.4., Seite 26, 1998)
Fernteil
… heißt das Teil eines Mehrstärken- oder Gleitsicht-Brillenglases, das die dioptrische Wirkung für das Sehen in die Ferne besitzt.
(DIN EN ISO 13666, Punkt 14.1.1., Seite 26, 1998)
Nahteil (Leseteil)
… nennt man das Teil eines Mehrstärken- oder Gleitsicht-Brillenglases, das die dioptrische Wirkung für das Sehen in die Nähe besitzt.
(DIN EN ISO 13666, Punkt 14.1.3., Seite 26, 1998)
Nahzusatz (Addition)
… heißt die Differenz zwischen dem Scheitelbrechwert des Nahteils und dem Scheitelbrechwert des Fernteils, gemessen mit festgelegten Verfahren.
Anmerkung: Messverfahren sind in der für Brillengläser maßgebenden Norm enthalten. (DIN EN ISO 13666, Punkt 14.2.1., Seite 31, 1998)
Progressionskanal
… ist der Bereich eines Gleitsicht-Brillenglases, der scharfes Sehen für Entfernungen ermöglicht, die zwischen der Ferne und der Nähe liegen.
(DIN EN ISO 13666, Punkt 14.1.25, Seite 31, 1998)
Progressionsseite
… heißt die Seite eines Gleitsicht-Brillenglases, auf welcher der Wirkungsanstieg untergebracht ist.
(DIN EN ISO 13666, Punkt 14.1.23, Seite 30, 1998)
Markierung zur Ausrichtung (Permanentmarkierung)
… nennt man eine vom Hersteller angebrachte permanente Markierung, um die horizontale Orientierung des Brillenglases oder des Brillenglas-Halbfertigproduktes oder die Rekonstruktion weiterer Bezugspunkte zu ermöglichen. (DIN EN ISO 13666, Punkt 14.1.24, Seite 31, 1998)
Fernteilkurve
… meint die Krümmung der Zusatzlinsenseite oder Progressionsseite im Fernteil, ausgedrückt als Flächenbrechwert.
Anmerkung 1: Die bei der Messung angenommene Brechzahl ist anzugeben.
Anmerkung 2: Bei Gleitsicht-Brillengläsern wird diese im Fern-Konstruktionsbezugspunkt gemessen.
(DIN EN ISO 13666, Punkt 14.2.4., Seite 31, 1998)
Innenversetzung
… nennt man die nasale Verschiebung des Zusatzteils gegenüber dem Fernbezugspunkt, üblicherweise ohne Bezug zur Wirkung auf die optischen Mittelpunkte für die Nähe.
Anmerkung 1: Sie dient in der Regel dazu, das rechte und linke Nah-Blickfeld zur Koinzidenz zu bringen.
Anmerkung 2: Der Ausdruck sollte nicht für eine Dezentration der optischen Mittelpunkte nach innen benutzt werden.
(DIN EN ISO 13666, Punkt 14.2.8., Seite 32, 1998)
Dickenreduktionsprisma
… heißt ein Prisma vertikaler Basislage, das dazu dient, die Dicke eines Gleitsicht-Brillenglases oder eines Mehrstärken-Brillenglases Typ E zu vermindern.
Anmerkung 1: Beide Brillengläser eines Brillenglaspaares müssen das gleiche Dickenreduktionsprisma besitzen.
Anmerkung 2: Bei Bestellung eines Brillenglases von einem Brillenglaspaar muss das Dickenreduktionsprisma angegeben werden, damit keine vertikalen prismatischen Differenzen erzeugt werden.
(DIN EN ISO 13666, Punkt 14.2.11., Seiten 32/33, 1998)
Prismenbezugspunkt
… ist ein bei einem Gleitsicht-Brillenglas oder einem Gleitsicht-Brillenglas-Halbfertigprodukt vom Hersteller angegebener Punkt auf der Vorderfläche, in dem die prismatischen Wirkungen des fertigen Glases bestimmt werden müssen.
Anmerkung: Das gemessene Prisma ergibt sich als Kombination aus dem verordneten Prisma und dem Dickenreduktionsprisma.
(DIN EN ISO 13666, Punkt 14.2.12., Seite 33, 1998)
Gemessene Wirkung (Messwert)
… bezeichnet die dioptrische Wirkung in einem bestimmten Punkt eines Brillenglases bei Messung nach einem vorgegebenen Verfahren.
(DIN EN ISO 13666, Punkt 9.10., Seite 20, 1998)
Gebrauchswirkung (Gebrauchswert)
… bezeichnet die dioptrische Wirkung eines Brillenglases in Gebrauchsposition für eine vorgegebene Objektentfernung und -lage.
(DIN EN ISO 13666, Punkt 9.11., Seite 20, 1998)
Für andere, hier nicht aufgeführte Begriffe bzw. Punkte gelten sinngemäß die Bezeichnungen bzw. Ausführungen aus dem Abschnitt „Mehrstärkengläser“.