„Gleitsichtgläser sollten so zum Auge zentriert werden, dass die Sehbereiche für alle Entfernungen optimal genutzt werden können. Die Anpassung von Gleitsichtgläsern sollte bei normaler entspannter Kopf- und Körperhaltung und Nullblickrichtung beim Blick in die Ferne erfolgen.

Die Zentrierung von Gleitsichtgläsern

15.4. Die Zentrierung von Gleitsichtgläsern
    • 15.4.1. Horizontale Zentrierung

  • 15.4.1.1. Unsymmetrisch gefertigte Gleitsichtgläser
Gläser dieser Art sind vom Hersteller separat für rechts und links gefertigt. Sie sind also spiegelsymmetrisch aufgebaut, nicht untereinander austauschbar und nicht schwenkbar. Im Vergleich mit Zwei- oder Dreistärkengläsern entsprächen sie demnach dem so genannten „Typ 2“.
Bei unsymmetrisch gefertigten Gleitsichtgläsern ist die Horizontalversetzung des Nah-Bezugspunktes BN gegenüber dem Fern-Bezugspunkt BF vom Hersteller festgelegt. Meist sind dies 2 mm oder 2,5 mm als „lnset i“ (früher „e“).
Wir erinnern uns an die Zusammenhänge, die bei der „Idealzentrierung von Zweistärkengläsern“ besprochen wurden (vgl. dazu Kap. 12.1 und 12.2 der „Zentrierlehre“).
Die dort genannten Faktoren gelten hier entsprechend, so dass festgestellt werden kann: Die ideale Lage des Punktes BN muss individuell verschieden sein in Abhängigkeit…
  • von der Entfernung des betrachteten Objektes,
  • vom Hornhautscheitelabstand der Brille,
  • vom Pupillenabstand-Ferne des Brillenträgers und
  • von der Fernteilwirkung der Brillengläser.
Bei fest vorgegebener seitlicher Versetzung steht ein/e Anpasser/in also vor der Frage: Zentriere ich „auf Ferne“? (dann weicht möglicherweise „die Nähe“ von der idealen Lage ab oder zentriere ich „auf Nähe“? (dann nehme ich in Kauf, dass „die Ferne“ nicht genau richtig wird). Dazu gleich mehr.
Sieht der Hersteller eine variable seitliche Versetzung vor, dann wählt er diese Staffelung (ausschließlich) auf der Grundlage der unterschiedlichen Fernteilwirkungen, um der Idealzentrierung näher zu kommen. Da ihm Angaben zu Objektentfernung, Fern-PD und HSA nicht vorliegen, muss er von Mittelwerten dieser Daten ausgehen.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die ideale Zentrierung für die Fernteile und die Nahteile der Gleitsichtgläser gleichzeitig nur in den Fällen vorliegen wird, in denen bei der Anpassung und Einarbeitung die Werte, von denen der Hersteller ausgegangen ist, weitestgehend erreicht werden.
Grundsätzlich propagieren die Hersteller zwei verschiedene Methoden zur richtigen horizontalen Zentrierung der unsymmetrisch gefertigten Gleitsichtgläser. Welche davon bevorzugt wird, richtet sich hauptsächlich nach der Konzeption des jeweiligen Brillenglastyps. Es erscheint also wohl als richtig, sich am besten nach den Empfehlungen des Glasherstellers zu richten.
A. Horizontale Zentrierung „zur Ferne“
Die Zentrierkreuze der Gläser müssen für die Blickrichtung parallel geradeaus in die Ferne mit den Pupillenmitten zur Deckung gebracht werden. Da prinzipbedingt irgendwelche Abweichungen möglichst nicht vorkommen sollten, darf ein Fehler dabei nicht größer als 0,5 mm pro Auge werden. Ein sehr sorgfältiges Vorgehen beim Ausmessen und das Anwenden möglichst präziser Messmethoden bzw. -geräte ist hier dringend anzuraten.
Die Lage der Nahbereiche der Gläser ergibt sich hier also zwangsläufig nach den vorgegebenen Abständen auf Grund der Geometrie der Gläser und der Lage der Punkte zueinander.
Dieses Verfahren bzw. diese Vorgehensweise ist immer dann zu empfehlen, wenn ein Glastyp mit einer relativ großen nutzbaren Breite im Nahbereich vorliegt.
B. Horizontale Zentrierung „zur Nähe“
Hier müssen die Nah-Bezugspunkte für die dabei gewählte (am besten die am häufigsten vorkommende) Arbeitsentfernung mit den Hauptdurchblickpunkten der Nähe zur Deckung gebracht werden. Dies muss bei der für den einzelnen Kunden individuell typischen Kopf- und Körperhaltung erfolgen. Meist wird dazu nach der Spiegelmethode vorgegangen und die gefundenen Punkte auf Messscheiben festgehalten (Abb. 15.20 und 15.21).
Die Lage des Fern-Bezugspunktes BF für das Sehen in die Ferne (also die Lage der Zentrierkreuze) ergibt sich auch hier wiederum zwangsläufig in Folge der Abstände, die das Glas vorgibt.
Die Anwendung dieses Verfahrens legt den Schwerpunkt auf das Nahsehen und damit auf die dabei individuell typischen Gewohnheiten des Brillenträgers. Man kann so z. B. einer asymmetrischen Konvergenz Rechnung tragen.
Das Sehen in die Ferne kann nur dann störungsfrei erfolgen, wenn an den sich ergebenden Durchblicksstellen bereits eine weitgehend exakte Fernteilwirkung vorliegt. Dies ist jedoch nicht bei allen Glastypen der Fall.
C. Horizontale Zentrierung als Kompromiss
Die Entscheidung für eines der beiden vorgenannten Verfahren fällt sicher meist je nach dem gewählten Gleitsichtglastyp. Es ist aber in jedem Fall zu empfehlen, auch zu kontrollieren, ob im Zusammenhang mit dem gewählten Zentrierverfahren etwa keine Verhältnisse auftreten, die zur Unverträglichkeit der Gläser für die andere Sehaufgabe führen. Ist dies der Fall, so muss notfalls ein Kompromiss zwischen der Fern- und der Nahzentrierung geschlossen werden.
Wurde beispielsweise die Horizontalzentrierung nach der Ferne vorgenommen, so könnte zusätzlich nach der Spiegelmethode überprüft werden, ob auch für das Sehen in die Nähe ausreichend genau richtig platzierte Nah-Bezugspunkte vorliegen.
15.4.1.2. Symmetrisch gefertigte Gleitsichtgläser
Bei der Fertigung dieses nur noch selten vorkommenden Glastyps wird nicht unterschieden, ob ein Glas als rechtes oder linkes Glas Verwendung finden wird. Zum Aufbringen der Glasmarkierungen (z.B. der farbigen Aufstempelung) und um eine Verlagerung der Nahbereiche nach innen zu erreichen, wird das Glas — wie bereits erwähnt — um einen bestimmten Winkel nasal geschwenkt. Im Vergleich mit Zwei- oder Dreistärkengläsern entsprächen sie also dem „Typ 1“.
Dabei sollte allerdings klar sein: Die Stempelmarkierung ist vom Hersteller so aufgebracht, dass bei der Werkstattarbeit genauso vorgegangen werden kann wie bei unsymmetrisch gefertigten Gläsern. Also nicht (noch einmal) schwenken!
Für den „normalen“ Anpassfall ergeben sich somit auch keine Unterschiede zu den soeben unter A bis C ausgeführten Vorgehensweisen. In besonderen Anpassfällen jedoch kann man sich die Schwenkbarkeit der Gläser zu Nutze machen, um für Ferne und Nähe optimale Zentrierung der entsprechenden Bereiche zu erzielen. Im Falle astigmatischer Wirkung ist aber auf die Einhaltung der entsprechenden Achsentoleranzen zu achten bzw. die geeignete Änderung vor der Bestellung vorzunehmen, damit die dioptrische Wirkung der Verordnung erreicht wird.
Sonderfall einäugiges Sehen (ohne Konvergenz)
Wenn Brillenträger nur monokular — also nur mit einem Auge — sehen können, dann konvergieren sie oft nicht. Zum Nahsehen erfolgt bei ihnen also lediglich eine Blicksenkung, jedoch keine Einwärtsbewegung des Auges. In diesem Fall wäre eine Nach-innen-Verlagerung des Glas-Nahbereiches nicht nur überflüssig, sondern sogar behindernd. Ein/e Augenoptiker/in kann das Fehlen der Einwärtsschwenkung des Auges z.B. beim Anwenden der Spiegelmethode feststellen.
Zur besten Zentrierung sollte in diesem Fall BN genau unterhalb von BF liegen. Dies kann durch entsprechendes (Rück-)Schwenken des Glases bewerkstelligt werden. Bei astigmatischer Wirkung muss allerdings „die Achse“ beachtet werden! (Abb. 15.22)
In der Regel können bei den Herstellern Gleitsichtgläser ohne Schwenkung bestellt werden. Beim Einarbeiten der Gläser – die auch mit ihrer Stempelmarkierung „ganz normal“ aussehen! — müssen der Fern- und der Nahbezugspunkt in der Vertikalen direkt untereinander liegen. D. h. das Glas wird bei der Einarbeitung in die Brillenfassung nasal nach unten gedreht und von der Stempelung her schief eingeschliffen (Abb. 15.23). Auf diese Weise ist dann die refraktionsrichtige Achse wirksam. Eine Brillenglasbestellung muss aber in jedem Fall mit dem Zusatzhinweis „ohne Schwenkung“ erfolgen!
Sonderfall asymmetrische Konvergenz
Wenn beim Nahsehen unterschiedlich große Einwärtsbewegungen der beiden Augen vorkommen, kann das bei der Anpassung von Gleitsichtgläsern zur Unverträglichkeit führen. Dem kann man mit schwenkbaren Gläsern Rechnung tragen, indem man das eine Glas stärker schwenkt als das andere.
Für die Zentrierarbeit müssen hier sowohl die Ferndurchblickpunkte als auch die Durchblickpunkte für die Nähe bestimmt und auf der Messscheibe angezeichnet werden. Daraus lässt sich dann relativ leicht die notwendige Schwenkung ermitteln. Auch hier an evtl. vorhandene Zylinderachsen denken! (Abb. 15.24)
In beiden Fällen können Zentrierhilfen bzw. Anpasssysteme zur Festlegung der Durchblickpunkte sehr gute Dienste leisten. Im Zusammenhang mit der Zentrierung von Gleitsichtgläsern ist allerdings darauf zu achten, dass für die Ferne die Nulldurchblickpunkte ermittelt werden, egal welches der diversen Geräte zum Einsatz kommt. Doch dies ist bereits ein wichtiger Aspekt der Höhenzentrierung.
  • 15.4.2. Vertikale Zentrierung
  • 15.4.2.1. Fassungsauswahl
Durch das großzügige Durchmesserangebot im Lieferbereich der Gleitsichtgläser der verschiedenen Hersteller bestehen eigentlich wenig Beschränkungen in der Größenauswahl der Fassungen. Man sollte allerdings daran denken, dass eine große Scheibe immer schwerere Gläser zur Folge haben wird — und dass Plusgläser zusätzlich noch ästhetisch unvorteilhafter aussehen, je dicker sie sind.
Wegen der Lage und der Ausdehnung des Nahbereiches ist es für das Sehen mit einem Gleitsicht-Brillenglas wichtig, dass ausreichend viel „Platz nach unten“ in der Scheibe vorhanden ist. Die Hersteller nennen dazu je nach der Anordnung der Sehbereiche für Normalausführungen der Progressivgläser eine Strecke von mindestens 20 bis 23 mm vom Nulldurchblickpunkt = Pupillenmitte bis zum unteren (Kasten-)Rand der Fassung (Abb. 15.25).
Bei den so genannten Short-Ausführungen der Gleitsichtgläser – deren Progression im Durchschnitt ca. 4 mm kürzer ausfällt — ist eine etwas kürzere Strecke ausreichend, wobei man von etwa 5 mm geringerer Höhe als oben genannt bzw. in Abb. 15.25 gezeigt ausgehen kann.
Wichtige Voraussetzung dafür, dass genaue Messergebnisse erzielt werden, ist eine exakte Vor-anpassung der Fassung. Dies betrifft im Zusammenhang mit der Ermittlung der Höhen insbesondere die genaue horizontale Lage der Brille.
Auch auf geringen HSA und ausreichende Inklinierbarkeit ist bei der Fassungsauswahl zu achten (siehe dort).
15.4.2.2. Blickrichtung(en)
Die Vertikalzentrierung wird für fast alle Typen von Gleitsichtgläsern in der Regel so vorgenommen, dass das (aufgestempelte) Zentrierkreuz in Höhe der Pupillenmitte bei Nullblickrichtung liegt (Ausnahme momentan: Seiko). Als bekannt wird vorausgesetzt: Die Punkte OB sind die Durchblickpunkte beim Blick horizontal geradeaus in die Ferne bei „normaler“, also habitueller Kopf- und Körperhaltung. (Die Abbildungen 15.19 sowie 15.4 am jeweiligen Kapitelanfang zeigen die Höhe(n) bei Nullblickrichtung.)
Wenn die Messungen und Festlegungen der Zentrierpunkte im Sitzen am Anpasstisch erfolgt sind, so ist es empfehlenswert, deren Lage noch einmal zu kontrollieren, wenn die Klientin/der Klient steht. Die gewöhnliche bzw. gewohnte (= „habituelle“, von lat. habitus = Gewohnheit) Haltung nimmt sie/er in der Regel erst dann ein — und auch nur, wenn Sie der Person nicht gesagt haben, sie solle sich „normal hinstellen“!
Hinweis: Ein nicht unwesentlicher Fehler kann dann auftreten, wenn die Augen von Messperson und Klient nicht auf der gleichen Höhe liegen. Beim Sehen ins Anpasserauge verläuft diese Blickrichtung nicht horizontal! Ein Höhenunterschied von einigen cm kann je nach Messabstand einen (Höhen-)Messfehler von einigen mm bewirken (vgl. dazu Abb. 15.26). Fehler in dieser Größenordnung können dabei bereits zur Unverträglichkeit der Gläser führen.
15.4.2.3. Benutzungshäufigkeit Ferne/Nähe
Die Erfahrung hat gezeigt, dass zu hoch angepasste Gleitsichtgläser die gute und störungsfreie Fernsicht beeinträchtigen können. Wird hingegen zu niedrig angepasst, so erscheint den BrillenträgerInnen die Progressionszone zu lang. Sie bzw. er muss den Kopf dann unnatürlich hoch halten (und zugleich den Blick stark senken), um gut lesen zu können. (Siehe dazu Abb. 15.27.)
Die oben genannte Anpassregel gilt für den durchschnittlichen Anpassfall mit gleichmäßiger Benutzung von Fern- und Nahbereich. Wird das Gleitsichtglas überwiegend für das Sehen in die Ferne benutzt, dann empfiehlt es sich, leicht tiefer anzupassen als üblich (maximal ca. 1 bis 2 mm). Der Anpasserfolg hängt hier allerdings vom verwendeten Glastyp ab, insbesondere vom Verlauf des Wirkungsanstiegs im Glas. Die notwendige starke Blicksenkung beim Nahsehen lässt allerdings Probleme erwarten.
In seltenen Ausnahmefällen kann ca. 1 mm höher als normal angepasst werden — z. B. wenn die Brille nahezu ausschließlich in der Nähe verwendet werden soll. Bei dieser hohen Anpassung verläuft die „Blickrichtung geradeaus“ bereits durch den beginnenden Progressionsbereich. Dies ist mit einer geringen, aber schon merklichen Abnahme der Sehschärfe verbunden. Außerdem stört, dass wegen der seitlichen Zonen mit Verzeichnung und Astigmatismus der horizontal nutzbare Fernbereich zu eng erscheint.
15.4.2.4. Erstbrillen und Folgebrillen
In Fällen der Erstanpassung ist ähnlich vorzugehen wie bei überwiegender Benutzung für die Ferne: ca. 1 bis 2 mm tiefer anpassen. Eine etwas tiefere Anpassung bewährt sich in der Regel auch bei starken Nahzusätzen.
Hinweis: Sehr tief angepasste Gleitsichtgläser verlangen von den BrillenträgerInnen eine sehr große (manchmal zu große) Blicksenkung, um wirklich durch den Punkt BN sehen zu können. Oft behilft sich ein/e Klient/in dann damit, dass sie/er durch den unteren Bereich der Progressionszone sieht. Allerdings steht ihr/ihm dort noch nicht die volle Addition sowie noch nicht die ganze mögliche Nahblickfeldbreite zur Verfügung. Schuld daran hat die tiefe Anpassung, nicht das vermeintlich schlechte Gleitsichtglas!
Grundsätzlich gilt (natürlich):
Richtige Höhenanpassung ist am besten. Die zweitbeste Lösung ist, etwas tiefer anzupassen. Was möglichst nicht passieren sollte, ist ein zu hohes Einarbeiten der Gläser.
Hat sich ein/e Brillenträger/in einmal an eine bestimmte Anpasshöhe der Gleitsichtgläser gewöhnt, so sollte diese Höhe in die nächste Brille übernommen werden. Hier ist logischerweise aber die (relative) Höhe zum jeweiligen Auge gemeint, nicht das Übernehmen der bisherigen Millimeterbeträge!
Die Technik des freien Glasdesigns bei Gleitsichtgläsern greift diese Thematik der Verlagerung der jeweiligen Zentrierpunkte (etwas nach oben oder nach unten, je nach Sehaufgabe) auf. Mehr dazu unter den Punkten 15.4.3.3 (Progressionszonenlängen) und 15.4.3.4. („Designparameter“ und „Designpunkte“).
15.4.2.5. Hornhautscheitelabstand und Vorneigung
Um gleich bei den Folgebrillen zu bleiben: Gleiche Zentrierung wie bisher wiederherzustellen, bedeutet auch, dafür zu sorgen, dass sich möglichst wenig Änderungen auch bei Vorneigung (VN) und Hornhautscheitelabstand (HSA) einstellen.
Im Zusammenspiel von HSA und VN bei Gleitsichtgläsern soll sich vor allem ein ausreichend breites Nahblickfeld ergeben. Dieses muss mit einer bestimmten Blicksenkung erreicht werden können, die in erträglicher Größe bleibt.
Hier deutet sich bereits ein Dilemma an:
Je kleiner der Hornhaut-Scheitelabstand (HSA) ausfällt, um so breiter wirken bzw. werden — fast so, wie wenn man durch ein Schlüsselloch schaut — die sich infolge Progressionskanal und Nahteil ergebenden Bereiche. Das heißt, die entsprechenden Blickfelder nehmen zu (Abb. 15.29).
Gleichzeitig sollte der HSA für beide Augen gleich groß sein, auch wenn beide Augen unterschiedlich „tief“ liegen (Abb. 15.30).
Je stärker die Vorneigung der Gläser ausfällt, umso näher liegen die unteren Glaspartien am Auge (HSA klein) und um so größer fallen die Blickfelder aus. Allerdings erzwingt eine zu starke Vorneigung wiederum eine zu große Blicksenkung, da ja die Abstände (z.B. die Strecke BF bis BN) gleich bleiben. Man muss wohl den richtigen Mittelweg für den individuellen Anpassfall finden. (Siehe dazu Abbildung 15.31.)
In der Praxis hat sich ergeben, dass ca. 10 Grad Vorneigung dann günstig sind, wenn HSA-Werte um ca. 12 mm vorliegen. Bei größeren HSA-Beträgen (etwa 15 mm) empfiehlt sich folglich eine stärkere Vorneigung.
15.4.2.6. Unterschiedliche Durchblickshöhen
Unterschiedliche Durchblickshöhen wegen ungleich hoch liegender Augen müssen gerade bei Gleitsichtgläsern genauestens berücksichtigt und gemessen werden. Die Lage der Zentrierpunkte bzw. die ermittelten Höhen müssen dann unterschiedlich sein.
Eine „mittlere Höhe“ zu wählen und die Gläser so einzuschleifen (also gleich hoch!) bewirkt eine Beeinträchtigung der vertikalen Blickfelder und kann zur Unverträglichkeit der Brille führen.
Die einzelnen Durchblickshöhen rechts und links müssen so genau wie möglich bestimmt werden. Ein Fehler beim Ausmessen und beim Einschleifen sollte nicht auftreten oder höchstens 0,5 mm groß sein. Für diese hohen Genauigkeiten sind außer Erfahrung und Können auch geeignete und genaue Messverfahren und -geräte notwendig.
15.4.2.7. Prismatische Wirkungen
Für horizontale prismatische Wirkungen gilt die modifizierte Augendrehpunktforderung. Dies bedeutet eine Abänderung der gemessenen Einzel-Abstände um 0,25 bis 0,3 mm entgegen der Basis pro cm/m. Dies wurde bereits im Abschnitt „Zweistärkengläser mit prismatischer Wirkung“ ausgeführt.
Für vertikale prismatische Wirkungen darf nicht ebenso vorgegangen werden. Verschiebungen kommen nicht in Frage. Höhenprismen müssen bereits bei der Glasherstellung berücksichtigt worden sein. Beim Ausmessen muss auf das standardmäßig vorhandene Dickenreduktionsprisma geachtet und mit dem Verordnungsprisma verrechnet werden.
15.4.2.8. Dickenreduktionsprisma (DRP)
Alle modernen Gleitsichtgläser weisen ein Dickenreduktionsprisma auf. Es dient dazu, die Dicke und damit das Gewicht der Gläser zu verringern. Das Prinzip zeigt Abbildung 15.32. Der Betrag dieser Prismen ist gestaffelt, also je nach der Addition und der Fernteilwirkung des Glases verschieden.
Im Zentrierkreuz eines Gleitsichtglases kann dieses Prisma gemessen werden (wenn es sich nicht wegen einer prismatischen Verordnung mit diesem überlagert). Es liegt ein Prisma Basis unten vor. Die beiden Gläser eines Gleitsichtgläserpaares weisen immer das gleiche DR-Prisma auf.
Unabhängig vom serienmäßigen DR-Prisma kann bei vielen Herstellern für den individuellen Anpassfall eine (weitere) Dickenreduktion der Gleitsichtgläser erfolgen, wenn bestimmte Bedingungen vorliegen. Diese sind z.B.:
  • sphärische Plusgläser (teilweise mit bestimmter Mindeststärke) und ab einer bestimmten Addition (oft ab Add. 2,0)
  • astigmatische Gläser (mit einem Hauptschnitt im Plusbereich) für Astigmatismus inversus (also „Plusachsen“ zwischen 0o und 30o sowie 150o und 180o)
  • geeignete Zentrierpunktlage (Einzel-Abstand und Einschleifhöhe).
Bei der Bestellung muss ähnlich vorgegangen werden wie bei den astigmatischen Einstärkengläsern. Bei Gleitsichtgläsern sind jedoch in den meisten Fällen zusätzliche Angaben erforderlich.
Die Abbildung 15.33 zeigt Beispiele von „vordezentrierten“ Gleitsichtgläsern, die oft — wie hier — eine ovale Rohglasform aufweisen.
  • 15.4.3. Angaben zur Zentrierung bzw. Bestellung der Gleitsichtgläser
  • 15.4.3.1. Standardisierte Kunden- und Fassungsparameter
In der letzten Zeit der „individuell“ gefertigten Gläser sind viele der Glashersteller dazu übergegangen, über die Augenoptiker/innen umfängliche „Individualparameter“ erfassen zu lassen. Dies macht es notwendig, außer den Refraktionsdaten (also „den Gläserstärken“) sowie Einzel-PDs und Höhe(n) auch Angaben zu Hornhautscheitelabstand (HSA), Vorneigung (VN) und Fassungsscheibenwinkel (FSW) zu ermitteln und an den Brillenglashersteller weiterzuleiten. Will man den Aussagen der Fabrikanten Glauben schenken, so „bilden die neu ermittelten Parameter neben den neuesten physiologischen Erkenntnissen die Grundlage für künftige Gleitsichtglasentwicklungen“. Abb. 15.34 zeigt grafisch zusammengefasst, welche Angaben von den Herstellern gewünscht werden.
15.4.3.2. „Korrigierte PD“ wegen eines höheren FSW
„Bei verkippten Gläsern ergibt sich ein anderer Strahlenverlauf als bei nicht verkippten Brillengläsern. Der Hauptstrahl fällt bei Nullblickrichtung nicht senkrecht auf die Glasvorderfläche. Somit ergibt sich eine veränderte dioptrische Wirkung am Hauptdurchblickpunkt. Damit die Fixierlinie durch den Bezugpunkt des Brillenglases verläuft, wird das Brillenglas mit einem von der Verkippung und dem Scheitelbrechwert des Glases abhängigen Prisma gefertigt. Da diese Prisma ebenso wie das Dickenreduktionsprisma nicht der Korrektion von Augenstellungsfehlern dient, darf das Brillenglas nicht dezentriert werden, sondern muss exakt auf die „COR PD“ und die gemessene Höhe zentriert werden.“
„Bei einem höheren Fassungsscheibenwinkel muss beim Einschleifen die korrigierte PD zum Einschleifen („COR PD“) berücksichtigt werden, um die richtige Kunden-PD in der fertig verglasten Brille zu erhalten. Den Unterschied zwischen der Kunden-PD und der COR PD zeigt folgende Darstellung.“ (Abb. 15.37)
(Textpassagen aus: „Zentrierempfehlung für Sportbrillengläser ohne Korrektionsprisma“, Tipps und Technik ProAct® Sportgläser, 04/2007, S. 27 und S. 29, Fa. Rodenstock, München)
15.4.3.3. Verschiedene Progressionszonenlängen
Welche Progressionszonenlänge für Ihren Kunden und seine Bedürfnisse ideal ist, können Sie nur im Gespräch mit dem Kunden klären.
Vorteile kurzer Progression
  • Mehr Freiheit bei der Fassungswahl durch minimale Einschleifhöhen von ca. 16 mm
  • Größerer Sehkomfort durch eine um ca. 8o geringere Blicksenkung beim Sehen in die Nähe
  • Reduzierung der vertikal-prismatischen Belastung bei Anisometropien durch eine ca. 4 mm kürzere Progressionszone
Vorteile normaler Progression
  • Geringerer Astigmatismusanstieg
  • Breiterer Zwischenbereich und Nahbereich
  • Geringere Mittendicke
Praxistipp für die kurze Progression
Besonders schnelle Gewöhnung für Gleitsichtglaseinsteiger und Umsteiger von Bifos, die eine geringe Blicksenkung gewöhnt sind.
Bitte beachten:
  • Beim Umstieg von normaler auf kurze Progressionszonenlänge und gleichzeitiger Additionserhöhung können Einengungen in den Sehbereichen auftreten.
  • Für längere Arbeiten in der Zwischenentfernung sind dafür geeignete Sondergläser zu empfehlen.
Die Anpassempfehlung
Zur Veranschaulichung der Zusammenhänge dienen die Abbildungen 15.38 und 15.39.
„Gleitsichtgläser sollten so zum Auge zentriert werden, dass die Sehbereiche für alle Entfernungen optimal genutzt werden können. Die Anpassung von Gleitsichtgläsern sollte bei normaler entspannter Kopf- und Körperhaltung und Nullblickrichtung beim Blick in die Ferne erfolgen. Der Zentrierpunkt befindet sich dann auf Pupillenmitte.
Die Anpassung kann sowohl per Videozentriersystem als auch durch manuelle Messung erfolgen. Bei der manuellen Messung ist darauf zu achten, dass Sie sich mit dem Kunden auf gleicher Augenhöhe befinden, um Parallaxenfehler zu vermeiden. Wichtig ist bei beiden Methoden etwas Erfahrung bei der Einschätzung einer ungezwungenen Kopf- und Körperhaltung des Kunden. Für eine exakte Messung achten Sie darauf, dass der Kunde stets die Nullblickrichtung beibehält. Für die Ermittlung der individuellen Kunden- und Fassungsdaten zur Bestellung von … (Individualgläsern) … können Sie unser Messtool nutzen.
Für unsere … (Short-Gläser) … empfehlen wir eine minimale Einschleifhöhe von ca. 16 mm, für alle anderen Gleitsichtgläser von ca. 20 mm.“
(Text auszugsweise aus: „Progressionszonenlängen“ und „Anpassempfehlung“, Tipps und Technik Gleitsichtgläser, 11/2006, S. 26/27, Fa. Rodenstock, München)
15.4.3.4. „Designparameter“ und „Designpunkte“
Das Besondere an so genannten Individual-Gläsern ist, dass bei diesem Gleitsichtglastyp neben den individuellen Parametern auch die speziellen Sehbedingungen Ihres Kunden berücksichtigt werden können. Hierfür benötigt der Hersteller bzw. Lieferant die Angabe des „Designpunktes Ferne“ und des „Designpunktes Nähe“ (siehe Abb. 15.40).
„Die Designpunkte können in definierten Bereichen variabel, aber stets für R/L gleich, festgelegt werden. Dabei ist der Referenzpunkt immer das Zentrierkreuz. Die bestellbare Größe ist der vertikale Abstand relativ zum Zentrierkreuz. Aus der folgenden Auflistung/Tabelle können Sie entnehmen, was durch Verschieben der Designpunkte im Gleitsichtglas Ihres Kunden erreicht werden kann.“
Selbstverständlich haben Sie (in der Regel) die Möglichkeit, das individuelle Glas auch so zu bestellen, dass es vergleichbar mit einer bisherigen Version ist. Hierfür bleibt der Designpunkt Ferne auf Höhe des Zentrierkreuzes erhalten. Der Designpunkt Nähe wird einfach mit dem Wert erstellt, der der (regulären) Progressionszonenlänge entspricht.
Zur Bestimmung der idealen Lage der Designpunkte Ferne und Nähe stellen die Glaslieferanten in der Regel entsprechende Beratungsprogramme zur Verfügung.
Designpunkt Ferne (DF)
„Dieser Parameter beschreibt die vertikale Verschiebung des Designpunkts für die Ferne, also den Punkt, durch den der Kunde beim Blick in die Ferne optimal korrigiert ist und der seinen persönlichen Sehgewohnheiten entspricht. Der DF kann in einem Bereich von –4 mm bis +4mm festgelegt werden“ (blau hinterlegter Bereich in Abb. 15.41). „Fällt der DF mit dem Zentrierkreuz zusammen, liegt dieser Wert bei 0 mm und würde dann dem bisherigen Impression entsprechen.
Legt der Kunde besonderen Wert auf einen großen Fernbereich, kann der DF nach unten verschoben werden. Damit werden die seitlichen Unschärfen reduziert und ein größerer Fernbereich erreicht.“
Designpunkt Nähe (DN)
„Dieser Parameter beschreibt die vertikale Verschiebung des Designpunkts für die Nähe, also den Punkt, durch den Ihr Kunde bei Nahsehaufgaben optimal korrigiert ist und die für ihn angenehme Blicksenkung vornehmen kann. Der DN kann in einem Bereich von –13mm bis –20mm festgelegt werden“ (orange hinterlegter Bereich in Abb. 15.42). „Bei Lage des DN –14 mm würde dieses Glas dem bisherigen Impression XS entsprechen, die Lage des DN –18 mm würde dem bisherigen Impression entsprechen.
Legt Ihr Kunde besonderen Wert auf einen großen Nahbereich (zum Arbeiten in der Nähe), kann der DN nach oben verschoben werden. Es ist somit eine geringere Blicksenkung notwendig und ein größerer Nahbereich wird erreicht.“
(Text in Auszügen aus: „Impression FreeSign Tipps und Technik“, 01/2007, S. 10–12, Fa. Rodenstock, München)
15.4.3.5. Datenerfassung und Rohglasdurchmesser
Zur Fertigung der Gläser für eine optimale Korrektion benötigen die Glashersteller neben den so genannten Individualparametern auch die Fassungs- und Zentrierdaten. Dies sind:
Fassungsdaten
  • Scheibenform
  • Scheibenlänge
  • Scheibenhöhe nach Kastenmaß
Zentrierdaten
  • Zentrierhöhe/n R/L nach Kastenmaß
  • Kunden-PD (Einzel-Abstände R/L)
Je nach technischer Ausstattung im Augenoptikerbetrieb (Video-Zentriersystem, Tracer, Durchmesserschablone, PD-Stab, …) werden die Daten teilweise auf unterschiedliche Weise ermittelt. Dies braucht hier nicht weiter ausgeführt zu werden.
Probleme ergeben sich allerdings meistens beim Tracen von Fassungen mit Fassungsscheibenwinkeln (FSW) ab etwa 10o. Das diese geräteabhängig schräg in den Tracer eingespannt werden (müssen), kann dann „die Brücke“ nicht gemessen werden, da hierfür das Abtasten beider Gläser notwendig wäre. Vor der Datenübermittlung sollten daher der Abstand zwischen den Gläsern (AzG, früher „die Brückenweite“), die Scheibenlänge und die Scheibenhöhe kontrolliert und gegebenenfalls angepasst werden. Hinweis: Auch an die COR-PD muss gedacht werden!
Zur manuellen Erfassung und Übermittlung der Scheibenform an Stelle des Tracens kommt das Abzeichnen der Scheibenform auf das Bestellformular in Frage. Dies kann von der Fassung oder vom Brillenglas erfolgen.
Die Fassung wird so auf das Bestellformular aufgelegt, dass die Scheibenform in senkrechter Projektion auf die Scheibenebene abgezeichnet werden kann. Dazu ist die Fassung so auszurichten, dass die geometrische Mitte der Glasform mit dem Schnittpunkt des Achsenkreuzes zusammenfällt (Abb. 15.43).
Wahlweise kann auch das Brillenglas abgezeichnet werden. Dieses wird mit der Rückfläche auf das Bestellformular aufgelegt und mit einem Stift die Scheibenform umrandet. Hierbei ist das Glas ebenfalls so auszurichten, dass die geometrische Mitte des Glases mit dem Schnittpunkt des Achsenkreuzes zusammenfällt (Abb. 15.44). Vor der Positionierung des Brillenglases auf dem Formular wird das Glas üblicherweise mit einer horizontalen Hilfslinie versehen. Falls Sie das SBMG dafür benutzen, achten Sie bitte darauf, dass das Brillenglas durch den Hebel zum Arretieren festgehalten wird, so dass es nicht zur Verdrehung der Glashorizontalen kommen kann. Dies gilt natürlich ebenso für die Endkontrolle. Da es beim Aufzeichnen der Scheibenform zu Verzerrungen kommen kann, sollte dem Hersteller auch hier das Maß für die Scheibenlänge nach Kasten zur Kontrolle mitgeteilt werden.
(Einzelne Textpassagen aus: „ProAct® Sportgläser“, Tipps und Technik, 04/2007, S. 25ff, Punkt 5.5., Fa. Rodenstock, München)
Bei Verwendung einer herkömmlichen „Durchmesserschablone“ werden ebenfalls alle oben genannten Daten erfasst. Das richtige Anpass- und Einstellergebnis zeigt sich als richtiger Rohglasdurchmesser (siehe Abb. 15.45).
15.5. Anpassempfehlungen für ausgewählte Gleitsichtglasausführungen und Spezial-Versionen
Wie Sie wissen, haben Gleitsichtgläser — unabhängig davon, welchen Namen sie tragen und von welchem Hersteller sie gefertigt wurden — einige grundsätzliche gemeinsame Probleme. In erster Linie führen die bekannten astigmatischen Fehler der (progressiven) Vorderfläche zu Verträglichkeitsproblemen bei den Brillenträgern. Dem muss durch Verringerung dieser störenden Fehler mittels eines geeigneten, optimierten „Flächendesigns“ von den Entwicklungsabteilungen der Hersteller Rechnung getragen werden. Manchmal werden dazu beide Glasflächen progressiv gefertigt.
Andere Probleme beim Einsatz von („herkömmlichen“) Gleitsichtgläsern ergeben sich, wenn z.B. Personen mit gewissen Fehlsichtigkeiten oder bestimmten Berufen bevorzugt Sehbereiche benutzen, die bei „normalen“ Progressivgläsern klein ausfallen oder mit großen Abbildungsfehlern behaftet sind. Für einige besondere Einsatzgebiete haben die Hersteller deshalb entsprechende Sondergläser entwickelt. Einzelne ausgewählte Beispiele zeigt der nachfolgende Abschnitt.
15.5.1. Gleitsichtgläser für die Arbeit am Bildschirm
Anforderungen an das Glas
Bei den „normalen“ Gleitsichtgläsern fällt der Zwischenbereich meist relativ schmal aus. Gerade in dessen Höhe und in mittlerer Entfernung vom Brillenträger liegt jedoch der Hauptsehbereich bei der Arbeit am Bildschirm. Ohne besonders gestaltetes Glas sind seitliche Kopfbewegungen erforderlich, wenn z.B. auf eine seitlich angebrachte Vorlage geblickt werden muss, denn ausreichend große Blickbewegungen sind wegen der Bereichsgrenzen hier nicht möglich. Vorrangiges Ziel: breiteren Zwischenbereich schaffen.
Der Blick zum Bildschirm ist in der Regel leicht gegen die Horizontale geneigt (siehe Abb. 15.46). Ergonomisch optimal sind 10o bis 20o Blicksenkung. Entwicklungsziel: Höhenanordnung des Zwischenbereichs dementsprechend.
Um auf die Tastatur sehen zu können, muss (wegen der geringen Entfernung) der Nahbereich des Glases benutzt werden. Zielvorgabe: ausreichend breite und nicht zu tief liegende Nahteilzone.
(Auch ein Musiker hat mit vergleichbaren Problemen zu tun, wenn er vom Blatt spielen möchte.)
Beispiel „Datacomfort“ (Fa. Essilor)
Dieses Spezialgleitsichtglas weist einen ausgedehnten Zwischenbereich auf etwa in der Breite wie bei Bifocalgläsern, jedoch in etwas größerer Höhe. Dies bedeutet, dass die Progressionszone schon im Fernteil beginnt, die volle Addition (= der Nahbereich) aber zugleich tiefer liegt als bei normalen Gleitsichtgläsern. Während einer langen Strecke bleibt die Progression auf dem 0,6-fachen der Addition stehen, um der Entfernung zum Bildschirm gerecht zu werden. Der Nahbereich ist ebenfalls breiter — liegt aber tiefer als „normal“, wie gesagt. Siehe dazu Abb. 15.47.
„Datacomfort“ ist speziell für den Bildschirmarbeitsplatz gedacht und konzipiert. Es erlaubt zwar eine gelegentliche Benutzung des Fernbereichs, darf aber nicht zum ständigen Tragen für das Sehen in die Ferne oder gar zum Steuern eines Kraftfahrzeuges verwendet werden!
Besonderheiten und Anpassempfehlungen
Die Abbildung 15.48 zeigt die Stempelmarkierungen, die Gravuren sowie die wichtigen Abstände am Glas.
Unter „Technische Hinweise“ finden sich zur Zentrierung dieses Glastyps die folgenden Aussagen des Herstellers:
  • „Das Zentrierkreuz wird bei Nullblickrichtung vor der Pupillenmitte positioniert.“
  • „Befindet sich der Bildschirm jedoch nicht in der normalen Position zwischen 0o und 20o unterhalb der horizontalen Blicklinie“, so „sind Höhenabweichungen von dieser Regel notwendig.“
Zur dioptrischen Wirkung wird festgestellt: „Hinsichtlich der Refraktion kann bei Datacomfort genau wie bei Varilux verfahren werden. Es wird die Fernrefraktion für Unendlich sowie die Addition für den normalen Leseabstand (nicht für den Bildschirmabstand) gegeben.“
15.5.2. Spezialgläser für emmetrope Presbyope
Der emmetrope Presbyop
Emmetrope presbyope Personen sind das ständige Tragen einer Brille nicht gewöhnt. Sie benutzen für das Sehen in kurze Entfernungen eine Nahbrille, die sie dann wiederum zum Sehen in die Ferne abnehmen müssen. Dieser häufige Wechsel wird oft als unangenehm empfunden. Trotzdem hat sich das Tragen von Mehrstärkengläsern ohne Fernteilwirkung bei dieser Personengruppe nicht allgemein durchgesetzt. Daher wird in zunehmendem Maße eine Halbbrille bevorzugt, die ein deutliches Sehen in die Nähe bei gewohnten Sehverhältnissen in die Ferne gewährleistet.
Hat inzwischen die Akkommodationsbreite des emmetropen Presbyopen auf etwa 2 dpt abgenommen, so ergeben sich im Zwischenbereich Zonen unscharfen Sehens. (Hinweis: Dabei wird noch nicht durch das Halbbrillenglas gesehen.) Diese „Unschärfebereiche“ lassen sich mit herkömmlichen Halbbrillen ebenso wenig vermeiden wie mit (Vollsicht-)Einstärkengläsern oder Bifocalgläsern. Die marktüblichen und bewährten „normalen“ Gleitsichtgläser ermöglichen an sich auch den rechtsichtigen Presbyopen ein deutliches Sehen in allen Sehentfernungen. Als ständig zu tragendes Korrektionsmittel — mit einem Fernteil 0,0 dpt — werden aber erfahrungsgemäß auch diese Gläser vom angesprochenen Personenkreis oft nicht angenommen.
Halbbrille mit „normalem“ Gleitsichtglas?
Man könnte nun auf die Idee kommen, ein konventionelles Gleitsichtglas bzw. dessen untere Hälfte in eine Halbbrille einzuschleifen. Im Zusammenhang mit den üblichen Abständen an den Gläsern und den Scheibenhöhen der Halbbrillen (ca. 20 bis 30 mm) wäre das vertretbar möglich. Allerdings würde dem Brillenträger bei Blicksenkung zunächst nur ein sehr enger Kanal zur Verfügung stehen, den sich das Auge quasi „suchen“ müsste. Dies wird eine emmetrope presbyope Person weniger leicht akzeptieren als ein Fehlsichtiger, der an ständiges Brillentragen gewöhnt ist. Hinzu kommt, dass Halbbrillen oft mit großem HSA getragen werden, wodurch der abbildungsfehlerfreie Bereich weiter eingeengt wird (siehe dazu Abb. 15.57, linke Hälfte). Ein normales Gleitsichtglas käme also nur mit Vorbehalten für eine Halbbrille in Frage.
Von der Industrie werden Gläser angeboten, die die angesprochenen Nachteile vermeiden.
„Lesegläser mit erweitertem Nahbereich“
Gläser dieser Gruppe sind auch als „degressive Nahgläser“ oder „Gleitsicht-Nahgläser“ bekannt. In der Werbung wird dabei von „Indoor-Gläsern“, solchen mit „erweitertem Nahbereich“ oder auch von „Raumkorrektur“ gesprochen.
Trotz diverser Unterschiede in den Produkten verschiedener Hersteller ist all diesen Gläsern gemeinsam, dass …
  • bereits im oberen Glasbereich eine „Addition“ vorliegt (d. h. nicht die „Fernstärke“),
  • der Wirkungsanstieg schon oberhalb der Glashorizontalen beginnt, und dadurch
  • ein sehr langer Progressionskanal (bzw. „Degressionskanal“) erreicht wird.
Bei Gläsern wie beispielsweise „Hoya Tact“ und „Zeiss Gradal RD“ handelt es sich um Gleitsicht-Nahgläser für Fehlsichtige. Sie können wie Universal-Gleitsichtgläser bestellt und zentriert werden
Degressive Nahgläser wie z. B. „Essilor Delta“, „Hoya Addpower“, „Rodenstock Cosmolit P“ und „Zeiss Clarlet Business“ sind für emmetrope oder schwach fehlsichtige Presbyope gedacht. Diese werden wie Einstärken-Nahgläser (Angabe der Nahwirkung) bestellt. Die Zentrierung erfolgt in der Regel nach der Augendrehpunktforderung (ADF) für die Ferne.
Beispiel: „Gradal RD“ (Fa. Zeiss)
Die wichtigsten Fakten zu diesem Universal-Gleitsichtglas sind:
  • Die Fernteilwirkung ist um 0,5 dpt erhöht (so genannte „Raumkorrektur“)
  • Die Progressionszone ist um 11 mm länger als „normal“
  • Die Verteilung der astigmatischen Abweichungen ist „modifiziert“
Besonderheiten:
Der obere Glasbereich ist durch die um 0,5 dpt erhöhte Fernwirkung für eine Sehentfernung von ca. 3 m optimiert. Die Nahwirkung bleibt unverändert, so dass sich der Wirkungsanstieg (Abb. 15.50) um 0,5 dpt verringert. So steht mehr Spielraum für die Optimierung der Fläche zur Verfügung und breitere Sehbereiche sind realisierbar. (Wie Sie wissen: Je geringer die Addition, um so breiter ist der Zwischenbereich.)
Die Progressionszone ist mit 25 mm deutlich länger als bei normalen Gleitsichtgläsern. Dadurch ergibt sich eine Vergrößerung der nutzbaren Sehbereiche. (Wie Sie ebenfalls wissen: Je länger die Progressionszone, desto breiter ist sie.)
Die Nebelung um +0,5 dpt sollte dem Kunden nach der Brillengläserbestimmung demonstriert und erklärt werden.
Anpassempfehlungen:
Die Zentrierkreuze müssen bei Nullblickrichtung und natürlicher Kopf- und Körperhaltung auf Pupillenmitte zentriert werden. Die empfohlenen Richtmaße für die angepasste Brillenfassung sind: Hornhautscheitelabstand (HSA) zwischen 12 und 16 mm, Vorneigung (VN) zwischen 8o und 12o. Als Mindesteinschleifhöhe gilt: 25 mm, damit das große Nahblickfeld auch genutzt werden kann. (Hinweis: Die Messmarkierung – Abb. 15.51 — sollte beim gerandeten Brillenglas voll erhalten bleiben.)
Die Bestellung erfolgt wie bei einem normalen Gleitsichtglas durch Angabe der Fernteilwirkung und der Addition.
Beispiel: „Addpower“ (Fa. Hoya)
Hierbei handelt es sich um ein Gleitsichtglas für den Nahbereich, das vom Nahpunkt nach oben einen Degressions-Wert von –0,75 aufweist. Dadurch ist ein klares und breites Sehen in nahen und mittleren Entfernungen möglich. (Abb. 15.52)
Indikation nach Aussage Fa. Hoya:
„Addpower eignet sich besonders für sph-Werte bei schwachen Hyperopien, auch geeignet für leichte Astigmatismen (bis zyl. max. 0,5).“
„Mit Addpower können Sie Ihren Gleitsichtglas-Kunden eine perfekte Hightech-Alternative zur Lesebrille mit Einstärkengläsern anbieten, denn es bietet weitaus mehr Sehkomfort und eignet sich zugleich bestens für Naharbeiten wie etwa die Arbeit am Laptop.“
Anpassungshinweis:
„Die Seitenzentrierung sollte nach Nah-PD erfolgen, die Anpasshöhe richtet sich nach der Hauptblickrichtung im Nahbereich.“ (siehe Abb. 15.54)
Beispiel: „Prosectal“ (Fa. Rodenstock)
Bei Prosectal liegt an der Oberkante des Brillenglases eine Wirkung ungleich 0 dpt vor: Mit einer „Wirkung um ca. + 1 dpt (…)“ kann so „der emmetrope Presbyop die Halbbrille (…) für das Sehen in den Zwischenbereich (…)“ benutzen.
„So genügt zum Beispiel ein Wirkungsanstieg von 1,75 dpt, um mit + 0,75 dpt an der Oberkante eine Nahteilwirkung von + 2,50 dpt zu erzielen (…). An der Halbbrillenoberkante kann also der Träger im angeführten Beispiel ohne Akkommodationsaufwand ab einer Entfernung von 1,3 m an deutlich sehen.“ (Zitate aus. „Prosectal — die erste progressive Halbbrille“, Fa. Rodenstock). Den Brechwertanstieg zeigt die Abbildung 15.55 (Quelle: wie oben).
Da die Länge des Progressionsbereiches identisch ist mit der bei einem „normalen“ Gleitsichtglas, ergibt sich so ein breiterer Korridor.
Die unvermeidlichen hohen Astigmatismen wurden vornehmlich in den Fernbereich verlagert, welcher bei einer Halbbrille weg geschliffen wird. Resultat ist ein breiterer nutzbarer Nahbereich.
„Prosectal“ ist speziell für die Bedürfnisse des Halbbrillenträgers konzipiert und weicht daher von herkömmlichen Progressivgläsern ab.
Besonderheiten und Anpassempfehlungen
Die Abbildung 15.56 zeigt Stempelung, Mikrogravur sowie Abstände am Glas, für die Anpassung von Prosectal sind die spezifischen Tragebedingungen einer Halbbrille zu berücksichtigen.
Um die Progressionszone voll nutzen zu können und einen ausreichend großen Nahsichtbereich zu gewährleisten, sollte die Halbbrille eine Scheibenform mit mindestens 24 mm Höhe haben.
Der Hornhautscheitelabstand liegt bei Halbbrillen in der Regel zwischen 20 und 24 mm. Bei Prosectal sollte die Bügellänge so eingestellt werden, dass der Hornhautscheitelabstand nicht größer als 20 mm wird, da diese Brille auch für größere Entfernungen als die übliche Leseent-fernung von 40 cm benutzt wird und somit etwas höher sitzt als die konventionelle Einstärken-Halbbrille.
Zur exakten Seitenzentrierung, die eine optimale Überlagerung der Progressionsbereiche gewährleistet, ist Prosectal nach den Nahdurchblickpunkten in der Gläserebene anzupassen, die wegen des größeren Hornhautscheitelabstandes enger zusammen liegen als bei Vollbrillen.
Die Höhenzentrierung von Prosectal erfolgt nach der Lage des oberen Scheibenrandes, indem man die obere horizontale Linie der Stempelmarkierung mit dem höchsten Punkt des oberen Scheibenrandes der Fassung zusammenfallen lässt.“
15.5.3. Gleitsichtgläser für Aphake
Die Korrektion von Aphaken
Einer am grauen Star operierten Person ist infolge der Linsenlosigkeit die Akkommodationsfähigkeit gänzlich verloren gegangen. Sie ist also in der Regel auf ein Mehrstärkenglas als Korrektionsmittel angewiesen. Wenn keine Intraokularlinse die verloren gegangen Wirkung ersetzt hat, werden durch die hohe benötigte Wirkung des Glases – verbunden mit einer recht hohen Addition – normale Gleitsichtgläser (aufgrund der Abbildungseigenschaften) nicht in Frage kommen bzw. indiskutabel sein.
Um die Abbildungsfehler zu verringern, muss man versuchen, die Vorteile der Fläche eines asphärischen Einstärken Plusglases mit verlaufendem Tragrand mit den Vorzügen einer Gleitsichtfläche zu kombinieren. So kann ein Ringskotom vermieden werden; das Glas wird außerdem dünner und leichter.
Beispiel: „Varilux Omega“ (Fa. Essilor)
Bei diesem Spezial-Gleitsichtglas wurde das Flächendesign eines asphärischen Star-Brillenglases mit Verblendung und Tragrand (Abb. 15.58) mit einer Gleitsichtglasfläche kombiniert. Es ist spezilell für aphake und hyperope Personen mit Glasstärken ab etwa 8 dpt gedacht und entwickelt worden.
„Die Omega-Fläche“ (Prospekt-Bezeichnung) verspricht alle diese Anforderungen zu erfüllen: „weiche Übergänge“, „ästhetische Vorteile“, „hohe Sehschärfe auch im Randbereich“, „Ringskotom beseitigt“ sowie „großer Durchmesser ( … ) ohne Dickennachteil“.
„Die Varilux-Fläche wurde ( … ) im Hinblick auf die optischen Verhältnisse des Starbrillenglases modifiziert.“ Dies bedeutet z.B., dass man — um die Abbildungsfehler im Nahbereich so gering wie möglich zu halten — den Progressionskanal sehr kurz hält (10 mm). Dadurch ist der Zwischenbereich zwar kaum ausnutzbar, aber der Brillenträger erhält ein ästhetisches und komfortables Mehrstärkenglas, bei dem die astigmatische Abweichung durch die Asphären im Fern- und Nahbereich minimal ist.
Besonderheiten und Anpassempfehlungen
Abbildung 15.59 zeigt wiederum Stempelung, Mikrogravuren sowie Abstände. Der Punkt 10 mm unter der Glashorizontalen markiert das Ende der Progression.
Fassungswahl: Die Fassung sollte einen möglichst geringen Hornhautscheitelabstand möglich machen.
Dickenreduktion: Es gelten die gleichen Regeln (für Precal) wie bei Varilux.
Kontrolle der Wirkung:
  • Der Bestellwert für die Addition stimmt mit dem konvexseitigen Messwert überein,
  • Die Fernteilwirkung wird im dafür vorgesehenen Messkreis nachgemessen.
  • Prismatische Wirkungen werden in der Mitte des Zentrierkreuzes gemessen. (Überlagerung durch Dickenreduktionsprisma beachten!)
Anpassung: Das Zentrierkreuz wird auf die Pupillenmitte bei Nullblickrichtung platziert.
15.5.4. Gleitsichtgläser, die auch ein Nahsehen nach oben ermöglichen
Nahsehen „über Kopf“
Es gibt einen Personenkreis, der in Beruf oder Hobby unter anderem auch auf gutes Nahsehen nach oben angewiesen ist. Normale Mehrstärkengläser bieten hier keine Lösungsmöglichkeit. Aus diesem Grund werden sowohl Bifocal- als auch Gleitsichtglasausführungen angeboten, die „oben im Fernteil“ noch ein weiteres Nahteil (zusätzlich zum normalen unten) aufweisen. Solche Sondergläser (Bifos, Trifos und Gleitsichtgläser) sind bei einigen Herstellern im Angebot; manchmal zwar nicht im Glaskatalog oder im Computerprogramm angegeben, jedoch auf Anfrage erhältlich.
Beispiel: „Varilux Pilot“ (Fa. Essilor)
Der untere Teil des Glases ist ein normales Varilux mit den gewohnten Eigenschaften. Für die „Sehaufgabe Nähe oben“ weist das Glas aus CR 39 im oberen Teil des Fernbereiches ein Nahteilsegment (Durchmesser 41 mm) auf, das durch seine stufenlose Trennlinie kosmetisch relativ günstig ausfällt. (Abb. 15.60)
Besonderheiten und Anpassempfehlungen
Die Addition im oberen Nahteil ist immer um 0.5 dpt schwächer als die Progression im unteren Nahteil (eingraviert wird die Progression), da in der Regel der Arbeitsabstand oberhalb des Kopfes größer ist als die normale Lesedistanz.
Der Abstand Nahteilkante – Zentrierkreuz beträgt 9 mm.
Das obere Nahteil ist so positioniert, dass es im normalen Gebrauch die Fernsicht nicht stört.
Fassungsauswahl: Es sollte auf eine für die angestrebte Tätigkeit ausreichende Nahteilhöhe im oberen Bereich der Fassung geachtet werden.
Nachmessen und Kontrolle: Varilux Pilot kann im unteren Teil wie ein normales Varilux, im oberen Teil wie ein Bifocalglas kontrolliert werden.
Anpassung: Für die Anpassung gelten die gleichen Regeln wie für normale Variluxgläser. (Das Zentrierkreuz wird bei Nullblickrichtung auf die Pupillenmitte platziert.) Der Abstand von 9 mm zwischen Zentrierkreuz und oberer Nahteilkante gewährleistet dann ein störungsfreies Sehen in die Ferne (siehe Abb. 15.61).