Eye Lens Technology

Brillengläser der Zukunft – Schritt 2

Für den Nahastigmatismus – einen von der Ferne abweichenden Zylinder in Bezug auf Betrag und Achslage im Nahbereich – gibt es unterschiedliche Gründe. Neben den geometrisch optischen (Einstellastigmatismus) und den physiologischen Ursachen (Listingsche Regel), über die bereits in der Juni-Ausgabe 2011 „Der Augenoptiker“1 berichtet wurde, gibt es zahlreiche individuelle anatomische Ursachen.

Wissenschaftliche Grundlagen
Ein individueller Nahastigmatismus kann zum Beispiel durch:

  • ein Verkippen der Augenlinse,
  • eine Positionsänderung der Linse bei Akkommodation,
  • eine unsymmetrische Akkommodation,
  • eine asymmetrische Verhärtung der Augenlinse oder
  • eine Pupillenverengung beim Blick in die Nähe verursacht werden.
Diese Abweichungen zwischen Fern- und Nahzylinder waren bereits in der Vergangenheit wiederholt das Thema für physiologische Studien. Erste Untersuchungen gehen schon auf das Jahr 1868 zurück. Die Studien belegen, dass es durch Akkommodation zu Änderungen des Astigmatismus von Ferne zur Nähe kommt3,4. Zum Beispiel zeigt eine Studie mit objektiven Messungen mittels Autorefraktometer an 122 Augen2,3 ,dass sich der Astigmatismus auch in Abhängigkeit von der Akkommodation, der Zylinderstärke und der Achslage mit unterschiedlicher Intensität ändert. Bei zunehmender Akkommodation zeigten sich signifikante Unterschiede.
Bei einem Astigmatismus obliquus oder einem Astigmatismus rectus trat im Mittel ein Anstieg des Zylinders von 0.1 dpt auf, während bei einem Astigmatismus inversus eine Verringerung des Zylinderbetrages von 0.05 dpt auftrat. Bei knapp der Hälfte aller vermessenen Augen zeigte sich eine große Änderung der Achslage um mehr als 5° 3.
Auch das Ergebnis einer aktuellen Studie5 bestätigt, dass sich der Astigmatismus signifikant in Richtung Astigmatismus rectus ändert, was durch eine Linsenverkippung über eine horizontale Achse zurückgeführt wird. Der Astigmatismus ändert sich hier um 0.036 dpt pro 1 dpt Akkommodation.
In der Literatur2 wird auch darüber berichtet, dass durch die mit der Akkommodation einhergehende Konvergenz relevante Veränderungen der Hornhautvorderfläche hervorgerufen werden, wobei der horizontale Meridian die Tendenz zu einer Abflachung zeigt.
Die wissenschaftlichen Studien dokumentieren, dass Änderungen des Zylinders durch Akkommodation auftreten. Deshalb ist es bei Kunden, die sich zwar mit ihrer Fernkorrektion wohl fühlen, aber über Probleme beim Sehen in der Nähe klagen, auf jeden Fall sinnvoll und notwendig, eine Prüfung auf Nahastigmatismus durchzuführen.
Ein unscharfes Netzhautbild, aufgrund des unkorrigierten Nahastigmatimus, führt zu Akkommodationschwankungen auf der Suche nach dem besten Fokus. Dies kann zu asthenopischen Beschwerden wie Augenermüdung oder Kopfschmerzen führen2. Durch eine entsprechende individuelle Nahkorrektion, die jetzt auch in Gleitsichtgläsern umgesetzt werden kann, ist dies nun vermeidbar.
Technologischer Hintergrund
Wie oben aufgeführt, sind das Auftreten und die Wichtigkeit der Nahrefraktion in der Literatur vielfach beschrieben. Jedoch war es bisher unmöglich, sowohl eine komplette Fern- als auch eine komplette Nahrefraktion bestehend aus Sphäre, Zylinder und Achse in einem Gleitsichtglas zu berücksichtigen. Rodenstock ist hierzu nun aufgrund seiner Kernkompetenz, der Berechnung, Optimierung und Fertigung von individuellen Brillengläsern, in der Lage. Mit dem Personal EyeModel bietet Rodenstock erstmals am Markt individuelle Brillengläser an, bei denen neben der Fern- auch die komplette Nahrefraktion in einem Gleitsichtglas berücksichtigt wird.
Hierbei wird der Zylinder als Vektor kontinuierlich vom gemessenen Fernwert zum Nahwert in Abhängigkeit vom Arbeitsabstand übergeführt.
Beispiele aus der Praxis
Bei der Entwicklung des Personal EyeModel wurden von Rodenstock sowohl interne als auch externe physiologische Studien durchgeführt. Diese Untersuchungen beziehen sich auf die übliche Vorgehensweise in der augenoptischen Praxis, und berücksichtigen neben den objektiven Messungen auch subjektive Messergebnisse, insbesondere die subjektive Refraktion. In die externen Studien wurden deshalb auch Augenoptiker integriert, die schon vor Produktstart Brillengläser mit Personal EyeModel bestellen konnten. Aus diesen Prototypenlieferungen sollen im Folgenden zwei Ergebnisse zur Veranschaulichung des Themas vorgestellt werden.
Während bei Schritt 1 der Eye Lens Technology, dem im März 2011 eingeführten EyeModel 80% der Gleitsichtglasträger mit astigmatischen Bestellwerten von einer gesteigerten Performance profitieren, sind dies beim Personal EyeModel, das seit Juli 2011 bestellbar ist, alle Kunden, die eine von der Ferne abweichende Nahrefraktion aufweisen. Bei diesen Kunden sorgt das Personal EyeModel für deutlich besseres Sehen in der Nähe. Als Grundlage für die Berechnung und Optimierung der Brillengläser wurden neben den kompletten Refraktionswerten für die Ferne auch die Refraktionswerte Sphäre, Zylinder und Achslage in der Nähe ermittelt und berücksichtigt.
Beispiel 1
Das erste Beispiel zeigt die Daten von Frau B., die bei Optik Hankiewicz aus München mit einer Testbrille versorgt wurde.
Sie hatte folgende Refraktionswerte:
Rechts F: sph 2.25
N: sph 4.50 cyl 0.50 A 80
Der Unterschied zwischen der zylindrischen Fern- und Nahrefraktion kann sehr gut mit der graphischen Vektoranalyse7 schief gekreuzter Zylinder dargestellt werden. Bei dieser Methode wird sowohl die Abweichung aufgrund des Zylinderbetrages als auch aufgrund der Achslage berücksichtigt. Die Länge des Vektors ist hierbei identisch mit dem Zylinderbetrag und die Richtung des Vektors mit der doppelten Achslage.
In Abbildung 1 ist für dieses Beispiel die resultierende astigmatische Abweichung (EyeModel Effekt) dargestellt. Der grüne Pfeil stellt den benötigten Zylinder in der Nähe dar. Da in der Ferne keine zylindrische Fehlsichtigkeit vorliegt (blauer Punkt), ist die Berechnung der astigmatischen Abweichung (rote Strecke) sehr einfach, da sie identisch mit dem benötigten Zylinder ist. Der EyeModel Effekt beträgt also in diesem Beispiel 0.50 dpt
Wird Frau B. nun, wie bisher nur möglich, mit einem Gleitsichtglas mit den Daten sph 2.25 Add 2.50 dpt versorgt, so ergibt sich in der Nähe ein astigmatischer Fehler von 0.50 dpt. Dies führt zum einen zu einer verringerten Sehschärfe in der Nähe und zum anderen überlagert sich dieser Fehler mit den inhärenten, astigmatischen Fehlern des Gleitsichtglases in der Peripherie. Dadurch kommt es zu eingeschränkten Sehbereichen im Zwischen- und insbesondere im Nahbereich, wie in Abbildung 2 zu erkennen ist. Dort ist die relative Sehschärfe für jeden Blickpunkt durch das Brillenglas mithilfe von Isolinien dargestellt,
Die Vorteile der Berücksichtigung des abweichenden Zylinders in der Nähe sind in Abbildung 3 deutlich zu erkennen. In der Nähe erreicht sie wieder die volle Sehschärfe von 1.0 und die Sehbereiche sind deutlich vergrößert und völlig symmetrisch zur Hauptblicklinie, wodurch auch das Binokularsehen verbessert wird.
Und genau diese Verbesserungen, aufgrund der Berücksichtigung der Nahrefraktion, konnte die Probandin Frau B. beobachten. Während sie bei ihren bisherigen Gleitsichtbrillen immer unzufrieden mit dem Nahbereich war, bewertete sie schon bei der ersten Befragung bei der Abgabe der Brille das spontane Wohlfühlen mit der Brille und auch die Sehschärfe mit „sehr gut“. Eine erneute Befragung nach einer Tragephase der Brille über mehrere Tage bestätigte die spontane positive Bewertung der Brillengläser, die Frau B. mit Aussagen wie „beim Lesen ist das Sehen deutlich besser“ oder „ich kann jetzt auch das Allerkleinste lesen“ zusätzlich auf den Punkt brachte.
Beispiel 2
Ein weiterer Testkandidat war Herr B., der von Optiker Braun aus Augsburg mit einer Brille mit dem neuen Personal EyeModel versorgt wurde.
Seine Bestellung zeigte folgende Werte:
Rechts
F: sph 1.50 cyl –1.75 A 74
N: sph 4.00 cyl –1.50 A 86
In diesem Fall weicht nicht nur der Zylinderbetrag (0.25 dpt) sondern auch die Achslage (12°) in der Nähe deutlich von der Ferne ab. Dadurch ergibt sich in der Nähe eine astigmatische Abweichung von über 0.7 dpt, wie in Abbildung 4 dargestellt. Deshalb ist offensichtlich, warum Herr B. aus Augsburg bisher nie mit dem Nahbereich bei seinen Gleitsichtgläsern zufrieden war.
Denn selbstverständlich führt der große EyeModel Effekt von 0.72 dpt bei der bisherigen Versorgung mit Gleitsichtgläsern ohne Personal EyeModel zu einer deutlichen Sehschärfeminderung in der Nähe und zu kleinen Sehbereichen im Zwischenbereich und der Nähe, wie in Abbildung 5 zu erkennen ist. Darüber hinaus wird aufgrund der asymmetrischen Anordnung der Sehbereiche das Binokularsehen beeinträchtigt.
Bei Impression mit Personal EyeModel, wie in Abbildung 6 dargestellt, werden diese Beeinträchtigungen korrigiert. Die Sehschärfe ist auch im Nahbereich wieder hoch und die Sehbereiche sind deutlich größer und völlig symmetrisch zur Hauptblicklinie angeordnet.
Auch in diesem Fall werden die Ergebnisse durch die Bewertungen des Probanden bestätigt. Der Testkunde Herr B. aus Augsburg gibt an, dass er jetzt mit Personal EyeModel erstmalig in jeder Entfernung klar und deutlich sehen kann. Weiterhin stellt er fest, dass er ein absolut entspanntes Sehen mit den Brillengläsern empfindet und bezeichnet sie als „wirkliche Wohlfühlgläser“.
Diese Beispiele zeigen, wie umfassend die Vorteile des Personal EyeModel sich auf den Tragekomfort der Gleitsichtgläser auswirken. Die Berücksichtigung der Nahrefraktion führt zu einem deutlich wahrnehmbaren Komfortvorteil und Mehrwert für den Brillenträger. Damit bietet Rodenstock Ihnen die Möglichkeit, sich mit Ihrer Kernkompetenz – der Refraktionsbestimmung – als Sehexperte zu positionieren und vom Mitbewerber zu differenzieren.
Die individuelle Nahrefraktion
Das Vorgehen bei der Nahrefraktionsbestimmung umfasst nur ein paar wenige zusätzliche Schritte und kann, wie folgt, ablaufen:
  • 1. Fernrefraktion und Additionsbestimmung: Bevor Sie mit der individuellen Nahrefraktion starten, sollten die Fernrefraktion sowie die Addition wie gewohnt ermittelt worden sein.
  • 2. Ermittlung Nahmittenabstand:Für eine exakte Nahrefraktion sollte die Messbrille auf Nahmittenabstand zentriert werden.
  • 3. Test mit Strahlenfigur auf Nahastigmatismus:Um schnell und einfach herauszufinden, ob der Kunde einen Nahastigmatismus hat und von einer individuellen Nahrefraktion profitieren würde, empfiehlt sich die Verwendung einer Strahlenfigur, wie sie in Abbildung 7 zu sehen ist. Hat der Kunde einen Nahastigmatismus, so zeigt sich hier sofort Schwärzungsungleichheit. Es werden entweder ein oder mehrere Striche der Strahlenfigur dunkler als die restlichen Striche wahrgenommen. Rodenstock stellt für die individuelle Nahrefraktion einen neuen Nahsehtest inklusive Strahlenfigur zur Verfügung. Die Strahlenfigur ist neben einer umfangreichen Auswahl an verschiedenen Tests, Nahleseproben und Informationen zum verbesserten Nahsehen mit EyeLT-Gleitsichtgläsern auch Bestandteil der neuen App „EyeConsulting+“ von Rodenstock.
  • 4. Individuelle Nahrefraktion:Den Nahzylinder können Sie wie gewohnt mit der Kreuzzylindermethode ermitteln (Abbildung 8). Anhand von kreisförmigen Optotypen werden dabei mittels Kreuzzylinder der Betrag und die Achslage des Nahzylinders beim Blick in die gewünschte Leseentfernung bestimmt. Die Korrektion mit dem Kreuzzylinder erfolgt hierbei analog dem Vorgehen in der Ferne für jedes Auge einzeln, d.h. zuerst erfolgt der Achsabgleich an den Optotypen mittels Befragung zweiter Art (der Kreuzzylinder wird dabei vor dem Auge belassen und gewendet und die Seheindrücke beider Augen miteinander verglichen). Danach erfolgt der Feinabgleich der Zylinderstärke ebenfalls mittels Befragung zweiter Art. Abschließend kann an der Strahlenfigur nochmals auf Schwärzungsgleichheit geprüft werden.
Alternativ ist auch eine komplette Prüfung an der Strahlenfigur möglich. Eine Übersicht über dieses Vorgehen, sowie der generelle Ablauf einer Augenglasbestimmung inklusive individueller Nahrefraktion sind in Abbildung 9 dargestellt.
Bei der durchgeführten Nahrefraktion wird auch der Einstellastigmatismus mit erfasst. Die Verrollung der Augen nach der Listingschen Regel wird weiterhin, wie beim EyeModel (Schritt 1), in der Optimierung der Brillengläser für jede Blickrichtung berücksichtigt. Bei der Refraktionsbestimmung findet keine Verrollung der Augen nach der Listingschen Regel statt, da hier möglichst zentral ohne Blicksenkung durch die Refraktionsgläser geschaut werden soll.
Unabhängig davon, ob Sie eine monokulare oder binokulare Refraktion für die Nähe durchführen, werden Sie durch die Berücksichtigung des vorhandenen Nahastigmatismus im Gleitsichtglas in jedem Fall eine Verbesserung für Ihren Kunden herbeiführen. Der Haupteinflussfaktor für den Nahastigmatismus ist die Akkommodation. Diese wird sowohl bei einer binokularen als auch bei einer monokularen Nahrefraktion erfasst.
Weiterführende Informationen zur Bestimmung der individuellen Nahrefraktion finden Sie in diversen Fachbüchern6,8,9 und Fachveröffentlichungen zu diesem Thema10,11 oder beim Besuch des Seminars „Die bessere Nahkorrektion – Methoden der Nahprüfung in Theorie und Praxis“, das Rodenstock zusammen mit unabhängigen Fachreferenten im Rahmen seines Akademieprogramms für Augenoptiker anbietet.
Zusammenfassung
Die Literatur und die praktischen Erfahrungen aus Studien zeigen, dass die Umsetzung einer von der Ferne abweichenden individuellen Nahrefraktion in einem Gleitsichtglas ein weiterer Schritt für besseres Sehen und zufriedenere Kunden ist. Rodenstock setzt dies im Portfolio der individuellen Produkte bereits um. Diese zusätzliche Bestelloption – das Personal EyeModel – ist seit Juli diesen Jahres für die Produkte Impression FreeSign®, Impression®, Impression® FashionCurved, Impression Ergo FS® und Impression Ergo® erhältlich. In Kombination mit Ihrer augenoptischen Kernkompetenz – der Refraktion – eröffnet Rodenstock hier eine neue und einzigartige Möglichkeit für besseres Sehen!
Referenzen
  • 1. K.Nicke A.Welk I.Schwarz G.Esser, „Brillengläser der Zukunft,“ Der Augenoptiker 6 S. 53–56 (2011)
  • 2. Bennett & Rabbetts: Clinical Visual Optics, S. 134–136, Effectivity of the astigmatic correction in near vision
  • 3. M. Millodot, C. Thibault, “ Variation of Astigmatism with Accommodation and its Relationship with Dark Focus” Ophthal. Physiol. Opt., Vol. 5, No.3, S. 297–301 (1985)
  • 4. K. Ukai, Y.Ichihashi,“Changesin Ocular Astigmatism Over The Whole Range of Accommodation”, Optom. Vis. Sci. Vol. 68, No.10, S. 813–818 (1991)
  • 5. H. Radhakrishnan, W. N. Charman, “Changes in astigmatism with accommodation”, Ophthal. Physiol. Opt. 27, S. 275–280 (2007)
  • 6. J. Tischer, „Die Praxis der Augenglasbestimmung,“ S. 128–129, DOZ-Verlag Optische Fachveröffentlichungen GmbH, Heidelberg (2006)
  • 7. H. Diepes, „Refraktionsbestimmung,“ S. 196–198, DOZ-Verlag Optische Fachveröffentlichungen GmbH, Heidelberg (2004)
  • 8. H. Diepes, „Refraktionsbestimmung,“ S. 397–398, DOZ-Verlag Optische Fachveröffentlichungen GmbH, Heidelberg (2004)
  • 9. D. Methling, „Bestimmen von Sehhilfen,“ S.117, Ferdinand Enke Verlag Stuttgart, (1996)
  • 10. M. Friedrich, S. Degle, “Mehr als Brillen verkaufen – Das Berufsbild für Augenoptik und Optometrie nach den neuen Arbeitsrichtlinien,“ DOZ 6 S. 60–63 (2011)
  • 11. S. Degle, „Nahastigmatismus in Theorie und Praxis –Ursachen, Häufigkeiten und Prüfmethoden,“ DOZ 7 S. 56–59 (2011)
Autoren:
Welk, Andrea
Nicke, Katrin
Schwarz, Ilka
Esser, Gregor
Research and Development
Rodenstock GmbH
Isartalstr. 43, 80469 München