Dr. Schnuchel, Hetlingen

Sukzessive

Seit zwölf Jahren ist Dr. Schnuchel auf dem Markt. Ein deutscher Hersteller kleiner, feiner Acetatfassungen. Der Firmensitz von Anfang an in Norddeutschland – eine knappe Stunde hinter Hamburg. Wir haben Dr. Schnuchel besucht und erfahren, wie die Firma wurde wie sie ist.

Wolf Schnuchel hat einen Doktortitel. Nicht in der Brillenherstellung. Gibt’s noch nicht. Er ist von Hause aus Chemiker und darin hat er promoviert. Und das hat in seinem Fall doch eine Menge mit der Optik zu tun. Denn als die Doktorarbeit fertig war, hatte Wolf Schnuchel ein halbes Jahr zu überbrücken zwischen Abschluss der Arbeiten und der Prüfung. Da kam der Schwiegervater ins Spiel. Er ist Augenoptiker, besaß damals mehrere gut gehende Läden.

Besagter Schwiegervater fragte, nachdem Wolf Schnuchel ihm seine Computer netzwerkmäßig auf Vordermann gebracht hatte, ob er nicht Lust habe, mit ihm zusammen eine Firma zu gründen. Eine Brillenherstellung. Klar, warum nicht. Zwar hatten beide keinerlei Ahnung, was dazu benötigt wurde und Wolf Schnuchel zudem noch keinerlei Ahnung von der Optik überhaupt, aber…
Der Schwiegervater stattete seinen Schwiegersohn mit einem Scheckheft aus und hatte ansonsten viel Vertrauen. Mit beidem und viel Erfahrung in CAD ausgestattet, machte sich Wolf Schnuchel an die Arbeit. Er suchte eine passende Software, passende Maschinen, passende Verfahren.
Er fuhr mit Diskette, Computer und Drucker zur Hannover Messe und suchte eine Software zum Zeichnen der Geometrien. Er hatte einen Pforzheimer Hersteller gefunden, der Fräsmaschinen herstellte. Ihn fragte er, was er tun müsse, wenn er auf dieser Maschine eine Brille fräsen wolle. Mit seinen CNC-Daten versehen flitzte er zwischen zwei Ständen auf der Messe hin und her, bis es ihm gelang, auf dem einen Stand zu programmieren und auf dem anderen zu fräsen. Beides kaufte er anschließend. Für einen Nicht-Fachmann eine beachtliche Leistung.
Mach mal…
Anschließend ging es darum, andere Maschinen zu besorgen, die für die Herstellung von Fassungen zusätzlich benötigt wurden. Er kaufte bei Kretz in Pforzheim eine Wagenladung gebrauchter Maschinen. Im Prinzip stand die Fertigung. Traum des Schwiegervaters. In seinen Läden verkaufte er bis dato sein eigenes Label ‚xxx handmade’, für ihn exclusiv hergestellt. Eine dieser Fassungen drückte er seinem Schwiegersohn in Hand und sagte „mach mal, ich hätte gern die und die Farben“.
Nun muss ich vielleicht in Erinnerung rufen, Wolf Schnuchel hatte prinzipiell von der Brillenherstellung keinerlei Ahnung. Aber er ging mit logischem Verstand an die Sache heran. Er musste ein Verfahren finden, die Fassungen zu scannen oder zu kopieren, in irgendeiner Art und Weise in die Fertigung zu überführen. Seine Frau, Fotografin, legte die Brillen auf Fotopapier, belichtete kurz. Die scharfen Konturen wurden gescannt. „Bügel einschießen war das Schwerste. Alles andere konnte ich irgendwie, das konnte man sich erklären. Es gab keinen, der mir irgendwas erklärt hat. Die Bügeleinschießmaschine war ein Eigenprodukt von Kretz“, erinnert sich Wolf Schnuchel an den Anfang.
Selbständig
Mehr schlecht als recht entstanden die ersten Fassungen, die vom Schwiegervater nicht allzu begeistert aufgenommen wurden. Inzwischen war die Acetatnachfrage in den Keller gegangen, der Schwiegervater wollte das Experiment abbrechen.
„Ich bin von Natur aus ein Mensch, der was er anpackt auch schafft. Ich habe mir überlegt, als Chemiker zu arbeiten oder mich selbständig zu machen.“ Wolf Schnuchel entschied sich für die Selbständigkeit und kaufte seinem Schwiegervater ‚den ganzen Krempel’ ab. Mit Bankgeld.
„Dann musste ich die erste Kollektion aufstellen. Ich hatte ja von Tuten und Blasen keine Ahnung und habe irgendwelche Sachen gemacht, die ich schön fand. Eines unserer meistverkauften Modelle ist eine Fassung, die ich ganz am Anfang gemacht habe.“
Sukzessive
Die ersten Fassungen waren, milde gesagt, verbesserungswürdig. Auf jeden Fall war aber der erste Musterkoffer voll und es mussten Kunden gesucht und gefunden werden. Wolf Schnuchel machte sich ein Konzept, besuchte erste Optiker ‚in der Pampas’ und hörte gut zu, was die zu seinen Fassungen sagten. Erste Babys wurden weggeworfen, auch wenn das Herz blutete. So lernte er.
„Sukzessive bin ich ins Geschäft gekommen. Ich lernte, was ich machen konnte, was ich lassen musste. Heute liegt die Reklamationsquote meiner Fassungen fast bei null.“
Die erste Messe wurde erfolgreich absolviert. Der erste ausländische Kunde kam aus New York. Eine Freundin von Frau Schnuchel lebte in Manhattan und hatte ihm mehr aus Spaß Fassungen angeboten. Er wurde der 26. Kunde der Firma und ist auch heute noch dabei.
Heute sind die Fassungen des Dr. Schnuchel handwerklich nicht zu beanstanden. Das klassische Design entwirft er selbst. Inzwischen reist der unkonventionelle Firmeninhaber nicht mehr allein. Handelsvertreter haben das übernommen. Auch in der Fertigung steht er längst nicht mehr allein. Die Firma ist gewachsen, hat einen guten Ruf. Der sukzessive Aufbau hat ihr gut getan, denn wie sagt Dr. Wolf Schnuchel über sich: „So richtig standardmäßig normal bin ich nicht.“
Ulla Schmidt