Pioniere in Sachen Boutique-Optik

Sie ist eine Vintage-Expertin auf dem Gebiet der Brille. Uta Geyer erkennt auf den ersten Blick, ob eine Fassung noch verwendbar ist oder nicht. Nach ihrem Magisterstudium der Literatur, Grafik und Malerei verschlechterten sich ihre Sehwerte so stark, dass sie sich auf die Suche nach einer Brille machte. Diese wurde zur Initialzündung für ihr heutiges Geschäftsmodell.

Autorin | Viola Losemann

Ihr ersehntes Cat-Eye-Modell fand sie schließlich in den Lagerbeständen eines alteingessenen Optikers in einem Vorort von Frankfurt. „Ich war völlig fasziniert, was da in den Schubladen schlummerte“, sagt sie. Sie erweiterte ihre Recherchen und hob noch weitere Schätze. Viele Optiker konnten sich nicht vorstellen, dass jemand diese Bestände noch haben wollte. Zu diesem Zeitpunkt boomten die Lizenzmarken und selten konnte man in den Auslagen spannendes Design entdecken.

Sie nimmt diese Zeit als großen Umbruch in der Markenwelt wahr. Die Lizenzmarken hatten keine Aussagekraft mehr. Das Thema Vintage war in aller Munde. Zeitgleich stellte sie sich persönlich die Frage, was sie nun beruflich anfangen wollte. Die Idee, sich selbständig zu machen, hatte immer einen großen Reiz auf sie ausgeübt. Schon in der Schulzeit jobbte sie bei einem Restaurator und arbeitete alte Kirchenfiguren auf. So entstand auch ihre Leidenschaft, alte Dinge zu bewahren und zu restaurieren. Im Rahmen ihres Studiums war eines ihrer Studienfächer die Kulturwissenschaft. Das große Thema der Kulturwissenschaft sei für sie Geschmack und Stil und die Frage, welche Figur in welcher Epoche was getragen habe. Mit ihrer einjährigen Arbeit am Theater im Bereich Bühnenbild und Ausstattung vertiefte sie dieses Wissen zudem praktisch. Während ihres Studiums arbeitete sie auch für eine Online-Agentur, die Webseiten für Marken wie Escada, Hugo Boss und Strenesse betreute. Dieser digitale Hintergrund, kommt ihr heute für ihren eigenen Online-Auftritt zugute. „Es gibt viele theoretische, aber auch viele praktische Grundlagen, für das, was ich heute mache“, sagt Geyer. All diese Erfahrungen bilden die Grundlage für ihr heutiges Label „Lunettes Berlin“.

Die Brille ohne medizinischen Anstrich

Ihre Schwester, die an der Hochschule für bildende Kunst in Braunschweig studiert hat, entwickelte ihr Logo. „Lunettes Selection“ ist eine Kollektion alter, aber ungetragener Vintage-Brillen. Uta Geyer kennt den einen oder anderen Lagerbestand mancher Augenoptiker besser, als diese selbst. Da sie auch ein Faible für alte Möbel hat, suchte sie auf Ebay nach Inventar, das dem Vintagecharakter der Fassungen entsprach. Sie wurde fündig und stieß auf die alte Ladeneinrichtung eines Optikers aus Süddeutschland, der gerade geschlossen hatte. „Die Einrichtung aus den 50er-Jahren habe ich sofort erstanden und erst einmal untergestellt“, erzählt sie. Es folgte der Umzug von Frankfurt nach Berlin. Auf ihrer Suche nach einem Laden wird sie am Prenzlauer Berg fündig. „Das kleine Geschäft hatte gerade mal sechzehn Quadratmeter Ladenfläche, davon nur 13 Quadratmeter Verkaufsfläche“, sagt sie. Da sie als Studentin über keinen finanziellen Hintergrund verfügte, bemühte sie sich zunächst um Fördergelder, musste einen Businessplan schreiben und erhielt ein halbes Jahr später auch Unterstützung.

2006 folgte die Eröffnung des Ladens, einem Brillen-Vintagestore in der Marienburgerstraße 11 am Prenzlauer Berg. Vintage-Originale von Dior, Porsche Carrera, Alain Mikli oder Robert La Roche konnte man hier erstehen. Sie ergänzte das Portfolio um ein kleines Sortiment an Orderware wie Alpha Savile Row, Moscot und Epos Milano, die das Design-Konzept ergänzen sollten. „Im Vintagebereich kann schnell eine Versorgungslücke entstehen. Da brauchte es eine Alternative, auf die ich zurückgreifen konnte“, erklärt sie die Entscheidung. Revolutionär war zu diesem Zeitpunkt, dass sie selbst keine Augenoptikerin ist und auch keinen beschäftigte, sondern mit einem Optiker aus dem Viertel eine Kooperation einging. „Ich wollte den Kauf der Brille von diesem „Optikergefühl“ befreien.“ Der Kunde sollte sich wie in einem Schuh-, Schmuck- oder Handtaschenladen fühlen, in dem er nur unter modischen oder ästhetischen Aspekten einkauft. Uta Geyer ist daher so etwas wie eine Pionierin des heutigen Boutique-Optikers und war 2006 ihrer Zeit rund zehn Jahre voraus. „Wir haben uns mit unserer Vintage-Kollektion „Lunettes Selection“ und unserer eigenen Design-Linie „Lunettes Kollektion“ schon früh den Zeitgeist zu Nutze gemacht, der weg von den großen Marken hin zu den kleineren, exklusiven Premium Labels führte“, resümiert sie heute.

Berlin Mitte – Epizentrum der Mode

Sie war Profi genug, sich das Wissen rund um die Brille anzueignen. „Natürlich muss man informiert sein, dass man eine Größe 58 nicht jemand anbieten kann, der Stärke + 8 hat“, räumt sie ein.

Zu ihren Kunden gehörten anfänglich Leute aus Kunst und Kultur, aber auch Leute aus dem Kiez frequentierten regelmäßig den Laden. Zu dieser Zeit war der Prenzlauer Berg noch sehr kreativ und wild und es dauerte nicht lange, bis das kleine Geschäft aus allen Nähten platzte. Man wechselte in die Dunckerstraße 18 im gleichen Viertel und auch hier zeigt sich in den Räumlichkeiten erneut, wieviel Wert „Lunettes Berlin“ auf das harmonische Miteinander von Brille und Interieur legt. Die Brillen-Boutique wurde dank Erwähnungen in Shopping-Guides und Reiseführern zu einem großen Erfolg. Das besondere Stilverständnis von Lunettes Berlin zieht bis heute nicht nur Design-affine Berliner, sondern auch internationales Publikum an.

„2009 sind wir dann mit einem zweiten Geschäft in die Torstraße gegangen, die damals das Epizentrum der individuellen Modeszene war“, sagt Geyer.

Auch für diesen Store machte sie sich auf die Suche nach Interieur aus der Mitte des letzten Jahrhunderts und wurde in Babelsberg bei einem Optiker fündig, der mit über achtzig in den Ruhestand ging.

Mittlerweile beschäftigt die Wahlberlinerin in beiden Stores Augenoptiker. Allerdings wird hier noch sehr klassisch mit der Messbrille refraktioniert. „Wir nehmen uns dafür extrem viel Zeit, denn das passt zu unserem Konzept. Der Kunde soll eine Brille erhalten, die ganz individuell auf ihn zugeschnitten ist, sagt sie. Es verwundert daher nicht, dass ihr kreatives Verkaufsteam sich aus gelernten Modedesignern, Maßschneidern und Kunsthistorikern zusammensetzt. Und natürlich brennen alle für das Produkt Brille.

2011 entsteht ihre eigene Kollektion unter dem Label „Lunettes Kollektion“, das mittlerweile auch Kooperationen mit aufstrebenden Modedesignern wie Christopher Shannon, Michael van der Ham, ODEEH, Julian Zigerli und John Lawrence Sullivan eingegangen ist. Die handgefertigte Kollektion mit mehr als 30 Modellen in unterschiedlichen Farben und Größen umfasst insgesamt 200 Modelle. Die Designerin greift hier auch auf Hersteller zurück, die sie bei ihrer Suche nach alten Lagerbeständen aufgetan hat. „Das sind keine Unternehmen, die auf Innovation aus sind. Die arbeiten noch sehr handwerklich und wertschöpfend. Auf diese Weise wird der Look der Brille bereits durch die Handwerkstradition vorgegeben“, sagt sie.

Demnächst wird ein neuer Laden in Berlin Charlottenburg das Store-Konzept erweitern. Dieser wurde von Oskar Kohnen konzipiert, mit dem Uta Geyer bereits zu ihrem zehnjährigen Bestehen einen Raum-Event, „die Wunderkammer“, inszeniert hat. Kohnen beherrscht es meisterhaft, die Disziplinen Architektur, Interieur und Möbeldesign zu einer gelungenen Einheit zu verschmelzen. „Wenn sich dieser neue Laden in der Nähe des Ku’ Damms trägt, könnte ich mir auch vorstellen, noch in andere Städte zu ziehen. Am liebsten sogar in andere Länder“, sagt sie.