Leitfaden im Mehrstärken-Dschungel

Welcher Kunde passt zu mir?

Zu den Grundvoraussetzungen einer erfolgreichen Presbyopieversorgung gehören das Wissen über die Funktion und Möglichkeiten der Mehrstärkensysteme und eine optimale Kundenauswahl. Susanne Käsbohrer, Dipl. Ing. (FH) Augenoptik von der Hecht Contactlinsen GmbH, hielt einen Vortrag beim 56. WVAO-Jahreskongress 2005 und hat einen Beitrag für das Magazin „DER AUGENOPTIKER“ verfasst. Dieser Beitrag soll denjenigen einen Leitfaden zur Presbyopieversorgung geben, die bisher noch nicht tagtäglich Mehrstärkenlinsen anpassen.

Welche Mehrstärkensysteme gibt es?
Simultanes System

Die Vielzahl der angebotenen simultanen Linsen unterscheidet sich hauptsächlich durch die Anordnung der Stärkenbereiche. Es gibt simultane Bifokallinsen, bei denen eine konzentrische Fern- und Nahzone vorhanden sind, die genau von einander unterschieden werden können.
Im Gegensatz dazu gibt es konzentrische Multifokallinsen. Bei den Multifokallinsen gibt es keine genaue Abgrenzung der Fern- und Nahzone, da die Stärke der Linse zur Peripherie kontinuierlich zu- oder abnimmt. Neben den Multifokallinsen gibt es noch die sogenannten Multizonenlinsen. Bei diesen Linsen gibt es mehrere Fern- und Nahzonen, die sich im zentralen Bereich abwechseln. Nur zu einem geringen Anteil kommen reine aplanatische Linsen und diffraktive Linsen als Presbyopielinsen zur Anwendung.
Was versteht man unter einer simultanen Abbildung?
Simultane Abbildung bedeutet, dass ein Objekt durch zwei oder mehrere Wirkungszonen der Kontaktlinse gleichzeitig abgebildet wird. Dadurch entsteht eine Unschärfenüberlagerung, die zu einer Kontrastminderung des Bildes führt.
Wie sich die Kontrastminderung auf das Sehen in der Ferne und Nähe auswirkt, lässt sich aus den folgenden Seheindrücken erkennen (Abb. 1–4). Die Abbildungen 2 und 4 zeigen die Seheindrücke, welche durch die simultan abbildende Kontaktlinse „Visell Vita“ entstehen. Sowohl der Seheindruck in der Ferne (Abb. 2) als auch das Nahsehen (Abb. 4) zeigen eine leichte Kontrastminderung. Das Erkennen der Optotypen ist jedoch immer noch möglich.
Zum Vergleich sind die Seheindrücke zusätzlich ohne Linse (Abb. 1 und 3) abgebildet. Jede simultan abbildende Presbyopielinse vermindert den Kontrast des abgebildeten Objektes. Wie stark der Kontrast durch die simultane Abbildung reduziert wird, ist produktabhängig. Das Kontrastsehen ist jedoch eine wichtige Größe, ob eine solche Kontaktlinse akzeptiert wird oder nicht. Helligkeit, Lichteinfluss, Pupillengröße spielen ebenfalls bei diesen Linsen eine entscheidende Rolle.
Alternierendes System
Bei einem alternierenden System wird das Objekt bei funktionsgerechter Anpassung entweder durch die Fern- oder Nahzone abgebildet. Die Fern- und Nahzone sind dadurch genau differenzierbar (Abb. 5).
Bei Blick in die Nähe (Abb. 7) wird die Kontaktlinse vertikal nach oben verschoben und die Nahwirkung der Kontaktlinse befindet sich vor der Pupille. Dadurch bietet das alternierende System, als Vorteil gegenüber der simultan abbildenden Kontaktlinse, eine gleich gute Abbildungsqualität wie bei einer Einstärkenlinse. Der Kontrast und die Sehschärfe sind bei der alternierend abbildenden Kontaktlinse identisch mit der Einstärkenlinse, sofern sich der entsprechende Wirkungsbereich an der richtigen Stelle befindet.
Wie sollte die optimale Kundenauswahl aussehen?
Für die optimale Kundenauswahl ist es wichtig, den Kunden gezielt über seine Motivation, seinen Sehanspruch und gewünschten Verwendungszweck der Kontaktlinsen zu befragen.
Ihr Kunde trägt bisher weder Brille noch Kontaktlinsen
Trägt ihr Kunde bisher weder Brille noch Kontaktlinse, ist das Beratungsgespräch besonders wichtig, da er keinerlei Erfahrung mit einer Brille oder Kontaktlinsen hat. Hier stellt sich die Frage, warum ihr Interessent keine Lesebrille nutzen möchte. Dadurch erfährt man schon sehr viel über die Motivation und den gewünschten Verwendungszweck der Kontaktlinsen.
Die Erfolgsaussichten sind von der Fernkorrektion abhängig. Bei einem Hyperopen sind die Erfolgsaussichten am besten, da die Korrektion in der Ferne auch dem Nahbereich zugute kommt. Beim Emmetropen sind die Chancen deutlich schlechter. Der Nahbereich wird zwar mit Linsen besser, aber die Ferne kann nicht besser – eher schlechter – werden. Bei leicht Myopen ist die Versorgung am schwierigsten, da die Korrektion für die Ferne, die ihr Interessent bis jetzt nicht bemängelt hat, sich auf die Nähe negativ auswirkt.
Bevor man mit der Anpassung der Mehrstärkenlinsen beginnt, sollte man den Kunden zuvor mit Kontaktlinsen zum Testen bzw. Üben versorgen, damit der Kunde die Möglichkeit hat, Erfahrungen mit der Handhabung von Kontaktlinsen zu sammeln.
Ihr Kunde trägt bisher nur Brille
Interessiert sich ein „reiner“ Brillenträger für eine Mehrstärkenlinse, stellt sich die Frage, warum sich der Kunde erst jetzt für Kontaktlinsen interessiert. Welche Motivation bzw. Scheinmotivation steckt dahinter?
Um auf diese Frage eine eindeutige Antwort zu bekommen, sollte auch diese Kundengruppe mit Kontaktlinsen zum Testen versorgt werden, um Erfahrungen mit der Handhabung von Kontaktlinsen sammeln zu können.
Ihr Kunde trägt bisher nur Kontaktlinsen
Die bisherigen Kontaktlinsenträger sind das wahre Einsteigerpotential für die Mehrstärkenlinsen, da Erfahrungen mit Kontaktlinsen ausreichend vorhanden sind. Dennoch ist eine kompetente Beratung über die verschiedenen Mehrstärkensysteme notwendig, so dass einer optimalen Versorgung für den ganzen Tag nichts mehr im Wege steht. Bei der Versorgung mit Mehrstärkenlinsen ist es richtig, einen bisherigen formstabilen Linsenträger weiterhin mit formstabilen Kontaktlinsen zu versorgen. Das gleiche gilt für die Weichlinsenträger. Ein bisher zufriedener Weichlinsenträger sollte auch mit einer weichen Mehrstärkenlinse versorgt werden.
Welche Kriterien sind für die Mehrstärken- systeme entscheidend?
Simultanes System
Funktionsentscheidend für die simultane Kontaktlinse ist ein zentrischer Sitz (Abb. 9) der Kontaktlinse. Ein dezentrierter Sitz (Abb. 10) bedeutet, dass zum Beispiel der zentrale Nahwirkungsbereich auch verschoben vor der Pupille sitzt und dadurch zusätzliche Abbildungsfehler (z.B. Koma) entstehen. Dies würde wie der kontrastmindernde Effekt der simultanen Systeme zu Seheinbußen führen.
Alternierendes System
Bei einem alternierenden System ist für die Funktion entscheidend, dass die alternierende Kontaktlinse freibeweglich auf dem Auge sitzt (Abb. 11) und eine Unterlidabstützung (Abb. 13) mit einer ausreichenden Vertikalbewegung bei Blick in die Nähe zeigt.
Nur mit einem freibeweglichen Sitz der Kontaktlinse ist es möglich, dass beim Blick in die Ferne auch die Fernwirkung vor der Pupille liegt. Damit eine ausreichende Vertikalbewegung von ungefähr zwei Millimetern möglich ist, sollte die bifokale Kontaktlinse so klein wie möglich angepasst werden. Nur dann ist mit der Unterlidabstützung das Sehen in der Nähe möglich.