Anja Dülpers/Arbeiten in Stein, Korschenbroich

Keine Frauen bitte

Wir leben im 21. Jahrhundert und noch immer werden bei der Stellenauswahl Unterschiede zwischen den Geschlechtern gemacht. Das musste auch die gelernte Steinmetzin Anja Dülpers feststellen, als sie einen neuen Job suchte. Als Frau kam sie aus den unterschiedlichsten Gründen einfach nicht an.

Banker, Industriekaufleute und Büromenschen gibt es in der Familie Dülpers und für Tochter Anja war es klar, dass es für sie eine ähnliche Berufswahl werden würde. Sie ging aufs Gymnasium mit dem Ziel, ‚auf Lehramt zu studieren’. Bis der handwerklich Begabten eines Tages klar wurde, dass sie doch lieber – wie man im Rheinländischen sagt – was frickeln wollte. Sprich, sie wollte handwerklich tätig sein.

Faszination Stein
Steine faszinierten die junge Frau, ein Steinmetz war in der Nähe, der Beruf nicht fremd. Sie lernte Steinmetz und hatte damit das erste und letzte Mal in dieser Branche Glück.
Ihre Chefs waren ein Ehepaar und die Frau stellte ohne Probleme eine Frau ein. Die Ausbildung ist ein Lehrberuf über drei Jahre und schließt mit einer praktischen und einer theoretischen Prüfung ab. Fragen nach der Epoche eines Baus, den bekannten Steinmetzen aus der Zeit und anderen typischen Bauwerken müssen zweifelsfrei beantwortet werden.
Steinkunde – Tiefen- oder Ergussgestein, welche Einschlüsse und wie entstanden – gehört ebenso dazu wie Kenntnisse in Chemie. Das ist nicht ohne und lässt die Aussage ‚Handwerker sind blöd’ ganz schön dumm dastehen. Anja schaffte ihre Prüfung mit Bravour.
Statt Kraft – Technik
Dann trennten sich Chef und Chefin, die Firma wurde auf eine Meisterstelle reduziert. Anja Dülpers suchte eine neue Stelle. Eine Absage folgte der anderen, obwohl die vorgezeigten Arbeiten immer gewollt waren. Nur die Frau dahinter nicht. „Frauen bringen das Betriebsklima durcheinander, für Frauen müsste eine zweite Toilette her und Frauen können nicht anpacken“, waren die Aussagen. „Dabei ist jeder Mann doof, der 300 Kilogramm schleppt,“ meint Anja Dülpers, „denn es gibt ja Hebebühnen. Und bei diesem Handwerk kommt es sowieso nicht auf die Kraft, sondern auf die Technik an. Mein Meister hat mir am liebsten die filigranen Ornamente überlassen, weil ich eine ruhigere Hand hatte. Eine Frau passt in diesen Beruf genauso gut wie ein Mann.“
Das Umdenken muss in diesem Fall erst noch stattfinden. Die steinbegeisterte Anja Dülpers musste beruflich umlernen, denn Miete und Lebenshaltung wollen gezahlt werden. Zur Zeit macht sie ein Volontariat – als Buchhändlerin. Ihre Liebe zum Stein hat sie sich jedoch nicht nehmen lassen.
Kanonichenhof
In der Nähe von Neuss hat ein junger Gärtner einen ehemaligen Bauernhof gekauft. Den Kanonichenhof, mit viel Land drumherum. Das Land wird mit den verschiedensten Blumen und Stauden bepflanzt und der Gärtner lädt zum Begehen ein. Ab dem Frühjahr wandern ganze Heerscharen Besucher durch die Ländereien. Sie schauen sich die Pflanzen an, die dann auch im Hof zu kaufen sind. Besonderes Bonbon in den Anpflanzungen sind jedoch die Kunstwerke. Kunstwerke verschiedenster Richtungen und Materialien. Aus Keramik, Holz, Metall und Stein. Die Künstler arbeiten am Wochenende im Hof an ihren jeweiligen Werken. Darunter die ‚Steinfrau’ Anja Dülpers.
Materialien
Mit Schutzbrille, in Arbeitskleidung und mit Hammer und Meißel in der Hand wird sie zwar verschiedentlich als junger Mann angesprochen – auch hier muss ein Umdenken stattfinden – aber sie gibt gern und erschöpfend Auskunft. Über das Material, die Steinsorten, Einschlüsse und ihre Werke. „Ich arbeite am liebsten Köpfe und die aus Hartgestein, auch mit Pressluft. Ein Speckstein würde sich dazu überhaupt nicht eignen. Für eine Skulptur bevorzuge ich einen eher weichen Stein. Gerade ‚Sachen’ wie meine Stelen aus Glas und meine Lampen arbeite ich am liebsten aus Basalt bzw. Basaltlava.“
Objekte in der Deko
Sie hat inzwischen viele Kunden, die mit eigenen Vorschlägen und Aufträgen an sie herantreten. Sie arbeitet ihre Kunstwerke nicht so gern nach, weil dann die Kreativität leidet und arbeitet – natürlich – am liebsten ihre eigenen Vorstellungen aus.
Durch ihren „Brot-und-Butter-Job“ ist die Zeit begrenzt, die sie für ihre Steinarbeiten opfern kann. Trotzdem kommen immer neue Objekte dazu. Ihre Leidenschaft sind („und das wird sich auch nicht ändern“) die Köpfe. Mit offenem Mund, geschlossenem Mund, verschiedenen Gesichtsformen, was der Stein hergibt. Ein Augenoptiker nutzte schon die Gelegenheit, diese Köpfe, dekoriert mit seinen Brillen, im Geschäft auszustellen. Mit großem Anklang – versteht sich.
Wenn Sie Lust haben, sich die Steinarbeiten von Anja Dülpers anzusehen, auszustellen oder zu kaufen, besuchen Sie doch den Kanonichenhof. Wenn Sie in der Nähe wohnen. Sonst vermittele ich Ihnen auch gern einen Kontakt zu Anja Dülpers. Denn die Augenoptiker, das weiß ich genau, gehören nicht zu der ignoranten Gruppe der Menschen die sagen, keine Frauen bitte.
Ulla Schmidt